Mauerfall-Feier in Berlin

Angela Merkel: „Träume können wahr werden“

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Torsten Krauel

Die Bundeskanzlerin sieht in dem Mauerfall ein Vorbild für Freiheitsbewegungen in aller Welt. Berlin feiert in unruhigen politischen Zeiten

Berlin. Diese verrückten, diese eigentlich ganz normalen Kontraste und Gleichzeitigkeiten sind schon atemberaubend. Da hängt also, während Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Versöhnungskapelle an der Bernauer Straße den Worten Christian Klopfs lauscht, von einem Balkon eine russische Fahne herab. Auf der Westberliner Seite der Straße. Und sie hängt dort garantiert nicht wegen Michail Gorbatschows Reformpolitik, die den Mauersturz erst möglich machte. Sie hängt dort wegen Wladimir Putin, der in der Ostukraine die Panzer rollen lässt, die vor 25 Jahren in Ostberlin nicht rollten.

Christian Klopf erinnert sich derweil an seinen 9. November 1989. Er schloss an jenem Morgen vor dem Zuchthaus im sächsischen Bautzen seinen Bruder in die Arme, der dort wegen versuchter Republikflucht gesessen hatte. 17 lange Monate. „Ausgerechnet an diesem Morgen kam er frei. Am Abend sollte er die Welt nicht mehr verstehen.“

Die Welt verstehen, 9131 Tage nach dem denkwürdigsten Donnerstag der deutschen Nachkriegsgeschichte? Am Brandenburger Tor steht wieder eine amerikanische Botschaft. Vor ihr findet die Sicherheitskontrolle für das Volksfest statt, das eben mit der Generalprobe für „Freude schöner Götterfunken“ eröffnet worden ist. Einer der Wartenden sieht die Überwachungskamera an der Botschaft. Er zieht den Jackenkragen hoch, hält die Hand vors Gesicht, sagt: „Bestimmt Gesichtserkennung!“ – halb im Scherz, halb im Ernst. Diese merkwürdige Welt. Die USA, vor einem Vierteljahrhundert die Schutzmacht der Freiheit, sieht nun für manche so aus wie die neue Überwachungsmacht.

Die Welt verstehen, diese seltsame, ewig in Unruhe befindliche Welt. Vor der US-Botschaft liegt das Holocaust-Mahnmal. „Der 9. November 1938 wurde ein Tag der Scham und der Schande“, sagte Angela Merkel in ihrer Gedenkrede an der Bernauer Straße. „Wie sollte aus diesem Datum jemals der Tag des Glücks und der Freude werden können, wie wir ihn 61 Jahre später, am 9. November 1989, erleben durften?“ Im Holocaust-Mahnmal tummeln sich Touristen, zumeist aus Übersee. Tummeln ist das richtige Wort, denn Kinder suchen sich zwischen den Stelen, ihr Lachen bricht sich in den engen Gassen des Denkmals. Auch einige Erwachsene spielen dort an diesem grau verhangenen Gedenkfreudentag Verstecken.

Auf dem Parkplatz am Südostende des Denkmals, über Hitlers Bunker, steht eine kleine Touristengruppe und wirkt verloren. 100 Meter weiter südlich ist hingegen der Bär los. In der pompösen, nagelneuen Shoppingmall am Leipziger Platz, die natürlich an diesem Tag geöffnet hat, signiert Mike Shinoda Programme und Handzettel und macht mit Fans Selbstporträts. Shinoda ist Mitgründer der Rock- und Metalband Linkin Park aus Los Angeles. Ungefähr da, wo er jetzt steht, stand am 10. November 1989 ein olivgrüner Grenztrabi mit einem missgelaunten unrasierten Grenzoffizier auf dem Beifahrersitz. Er beaufsichtigte den Abriss seines bisherigen Lebens. Seine Soldaten schlugen ein Loch in die Mauer. Wenn die Presslufthämmer schwiegen, hörte man das ferne Klopfen etlicher Hämmer entlang der Mauer. Die Mauerspechte hatten ihr Werk begonnen.

Der kleine Knirps, der am Zaun der Hessischen Landesvertretung am Tiergarten steht, versteht die Welt trotz des Fotos vor ihm nicht richtig. Es zeigt, aus Stasi-Perspektive, den Blick vom Brandenburger Tor nach Westen, mit der bogenförmigen weißen Mauer im Vordergrund. „Guck mal“, sagt seine Mutter, „Du wolltest doch wissen, ob man über die Mauer rübergucken konnte. Da, siehst du den Hochstand? Da konnte man drübergucken.“ Der Sohn blickt zweifelnd. Wie soll man auch auf einem solchen Foto das Grauen der Mauer erkennen?

Am Vorabend war es in der Zimmerstraße und der Stresemannstraße fast wieder genauso still geworden wie vor dem November 1989. Abgesperrt, keine Autos, nur die lange Reihe der weißen Ballons, und Fußgänger, die sich leise unterhielten. Diese tödliche Stille entlang der Mauer, Tag und Nacht. Am Abend gab es sie natürlich nicht mehr, beim großen Konzert am Brandenburger Tor. Dort, wo das Orchester saß, stand bis 1989 ein Wachturm. Auf ihm konnte man in den bleiernen Jahren davor Grenzer sehen. Ans Brandenburger Tor kamen die Treuesten der Linientreuen. Weswegen Henning von Zanthier am 10. November auch zögerte, bevor er dort auf der Mauerkrone von zehn nach eins zählte. Dann sprangen er und einige weitere visumfrei hinunter in den Osten. Sie waren die Ersten.

Karin Gueffroy sitzt mit Angela Merkel in der Versöhnungskirche. Ihr Sohn Chris war im Frühjahr 1989 der Letzte, der an der Mauer ermordet wurde. Auch für ihn werden in der Gedenkstätte Kerzen entzündet. Dorothea Ebert spielt Bach. Die Geigerin, mit 23 Jahren wegen Fluchtversuchs verurteilt, hatte das Stück in ihrer Zelle im Frauengefängnis Hoheneck geübt. Natürlich ohne Geige, die hatte das Regime enteignet. Merkel beendet ihre Rede mit der Hoffnung, neue Mauern der Ideologien und Feindschaften einzureißen. „Ein Tagtraum, der wie eine Seifenblase zerplatzt? Nein, der Mauerfall hat uns gezeigt: Träume können wahr werden. Nichts muss so bleiben, wie es ist, mögen die Hürden auch noch so hoch sein.“

Nicht immer ist die Weltlage so günstig wie damals. Nicht immer gibt es einen Michail Gorbatschow, der mit den USA zum Ausgleich kommen möchte und Deutschland als Partner braucht. Aber eins hat die Welt vor 25 Jahren gelernt: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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