Merkel beendet Debatte über Frauenquote

Beim Treffen mit Top-Managerinnen weist die Kanzlerin Kritiker in der Union in die Schranken. Alle Argumente seien längst ausgetauscht, sagt sie

Berlin. Die Frauenquote steht zwar im Koalitionsvertrag, doch der Glaubenskrieg um die Quote für Führungsgremien tobt bis zur letzten Minute. Die Industrieverbände bäumen sich noch ein letztes Mal auf. Die CSU unkt: Wenn die Quote kommt, wird das Wirtschaftswachstum noch mehr einbrechen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), das merkt man ihr an diesem trüben Oktobertag deutlich an, hat keine Lust mehr auf dieses Thema. Nicht, weil sie selbst die „gläserne Decke“ schon vor vielen Jahren durchstoßen hat, sondern weil es dazu einfach nichts Originelles mehr zu sagen gibt. Während eines Treffens mit weiblichen Führungskräften, die sie am Mittwochnachmittag ins Bundeskanzleramt eingeladen hat, hört sie zwar aufmerksam zu und nickt auch gelegentlich. Doch so kämpferisch wie Bundesministerin Manuela Schwesig (SPD), die neben ihr sitzt, wirkt die mächtigste Frau im Staat nicht.

Schwesig, die aus ihrem oft stressigen Job- und Familienalltag erzählt, hat zumindest bei den Frauen, die hier versammelt sind, im vergangenen Jahr neue Mitstreiterinnen für die Quote gewonnen. Denn nicht nur die jüngsten Umbesetzungen in den Vorständen zahlreicher börsennotierter Unternehmen haben gezeigt, dass die Selbstverpflichtungen der Wirtschaft nicht zu einem Anstieg des Frauenanteils geführt haben. „Es gibt diese latente Angst der Männer zu versagen, wenn jetzt auf einmal auch Frauen in diese Positionen hineinkommen“, sagt Unternehmerin Ulrike Detmers. Sie warnt davor, diesen Widerständen zu viel Bedeutung beizumessen: „Ich garantiere Ihnen, in einigen Jahren spricht kein Mensch mehr davon, das sind jetzt noch kleine Zuckungen.“

Dem zuletzt von einigen Unionspolitikern vorgebrachten Argument, die Frauenquote stelle eine Belastung für die Wirtschaft dar, tritt in der von Frauen dominierten Runde Christoph Kübel entgegen, Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH. Bosch habe mit einem Team aus Männern und Frauen einen Akkuschrauber weiterentwickelt. „Die Frauen im Team haben gesagt, er muss so sein, dass auch ich ihn benutzen kann, und man muss sie in die Handtasche stecken können.“ Nach der Weiterentwicklung des Produkts seien die Verkaufszahlen für das Produkt durch die Decke gegangen – sie stiegen von 50.000 pro Jahr auf über eine Million. Dass es gerade von Männern noch Widerstand gegen die Quote gibt, erklärt die Bundeskanzlerin, die früher auch keine Verfechterin der Festlegung eines Frauenanteils gewesen war, so: „Führungspositionen sind ja auch beliebt, sie bedeuten Macht, Macht ist ja etwas Gutes. Teilen von etwas sehr Schönem fällt immer auch schwer. Deshalb müssen wir jetzt diese Quote machen, und sie wird dann automatisch zum Umdenken führen.“

Es sei müßig, weiter über die Einführung der Quote zu diskutieren, sagte Merkel, schließlich seien alle Argumente zu dem Thema schon lange ausgetauscht. Mehrere Unionspolitiker hatten am Vortag Frauenministerin Manuela Schwesig (SPD) gegen sich aufgebracht mit dem Vorschlag, die für 2016 geplante Quotenregelung als „Entlastungsmaßnahme“ für die Wirtschaft zu verschieben.

Die Kanzlerin sagte: „Frauen in Top-Positionen sind immer noch eine Rarität.“ Im vergangenen Jahr sei die Zahl der weiblichen Vorstände in Deutschland sogar gesunken. Über viele Führungspositionen werde in Hinterzimmern entschieden, „und da sitzen nur Männer“, sagte die Vizepräsidentin der Max-Planck-Gesellschaft, Angela Friederici. Für einen Mann sei die naheliegende Wahl im Regelfall der Kandidat, erklärte Katharina Herrmann, Vorstandsmitglied der ING-DiBa-Bank. Deshalb sei die Quote wichtig, um Veränderungen herbeizuführen.

Der Gesetzentwurf der Koalition sieht eine 30-Prozent-Quote für die Aufsichtsräte der 108 größten börsennotierten Unternehmen vor. Rund 3500 weitere Unternehmen müssen sich selbst ein Ziel setzen, um den Frauenanteil in Aufsichtsrat, Vorstand und den beiden obersten Management-Etagen zu erhöhen. Schwesig hat auch diesen Unternehmen mit einer starren Quote gedroht, sollten ihre Zielvorgaben nicht ambitioniert genug ausfallen. Das Gesetz muss noch vom Kabinett beschlossen werden.

Noch langsamer als der berufliche Aufstieg von Frauen vollziehe sich in Deutschland der Wandel der Rollenbilder, stellten die weiblichen Führungskräfte fest. „Das ist vergleichbar mit dem Ritt auf einer Schnecke“, sagte Unternehmerin Angelique Renkhoff-Mücke, Vorstandsvorsitzende der als „Familienfreundlicher Arbeitgeber“ ausgezeichneten Firma Warema Renkhoff.

Wenn es im gleichen Tempo weitergehen würde wie bisher, dann wäre ein Anteil von 40 Prozent Frauen in den Chefetagen erst in über 100 Jahren erreicht, sagte Schwesig. Die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern sei zwar im Grundgesetz verankert, aber die Realität sehe nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in staatlichen Institutionen ganz anders aus.

Bei der Durchsetzung des neuen Gleichstellungsgesetzes sei sie auf viele Widerstände gestoßen, betonte die Ministerin. „Neulich hat einmal jemand zu mir gesagt: ,Aber Frau Schwesig, Sie verschieben damit ja die Macht zugunsten der Frauen‘“, berichtete sie – daran habe sie jedoch nichts Schlechtes sehen können.