Gauck und Hollande

Kriegsgedenken: Zwei Freunde am Berg des Todes

In den Südvogesen erinnern Gauck und Hollande an den Ersten Weltkrieg

Hartmannsweilerkopf. Sie nannten ihn den „Berg des Todes“ oder den „Menschenfresser-Berg“. Die Kämpfe begannen am 31. Dezember 1914. In den folgenden zwölf Monaten wurde erbittert und brutal um jeden Meter gerungen. Danach begann ein nicht minder grausamer Stellungskrieg. Bis 1918 kamen etwa 30.000 deutsche und französische Soldaten ums Leben.

Kilometerlange Schützengräben zerfurchen noch heute die Bergkuppe des Hartmannweilerkopfes im Elsass, die feindlichen Truppen standen nur wenige Meter voneinander entfernt. Sie flüsterten untereinander, um sich vor dem Gegner zu verbergen. Wasser, Schlamm und Leichenteile füllten die Gräben, Cholera und Typhus brachen aus. Wer daran nicht starb, fiel schließlich dem Giftgas zum Opfer.

Genau hier treffen sich Bundespräsident Joachim Gauck und der französische Staatschef François Hollande. Auf den Tag genau vor 100Jahren erklärte Deutschland Frankreich den Krieg. Wie bereits im vergangenen Jahr in Oradour, dem im Zweiten Weltkrieg von deutschen Soldaten zerstörten französischen Dorf, demonstrieren die beiden Präsidenten ihre Nähe. Erst stehen sie schweigend nebeneinander, legen dann dem jeweils anderen den Arm um die Schulter. Als sie sich zueinanderdrehen, folgt eine lange, innige Umarmung. Am Hartmannsweilerkopf entsteht nun für 3,5 Millionen Euro das erste deutsch-französische Museum zum Ersten Weltkrieg, ein „Leuchtturmprojekt der deutsch-französischen Freundschaft“, wie die Initiatoren es nennen. Schon seit 1921 gibt es hier eine französische Gedenkstätte. Von nun an aber soll gemeinsam erinnert werden. Auch dies eine Lehre aus der Geschichte.

Hollande lässt diese Gelegenheit nicht aus, um Konsequenzen aus der Vergangenheit anzumahnen für eine ganz aktuell von Kriegen und Krisen geprägte Zeit. Europa hat für die Franzosen nicht nur Hort des Friedens zu sein, sondern soll auch anderen Perspektiven aufzeigen. Der französische Staatschef nutzt den „außergewöhnlichen Charakter der Zeremonie“ zu sehr aktuellen Mahnungen für den Frieden. „Mehr denn je“ müsse nun alles getan werden für eine Waffenruhe im Gazastreifen, um das Leid der Menschen dort zu beenden. Die deutsch-französische Geschichte zeige, dass der Wille zum Frieden auch vermeintliche Erbfeinde zusammenbringen könne.

Gauck geht nicht auf die Krisenherde dieser Welt ein, auch nicht auf die Ukraine. Und er knüpft diesmal nicht an das Thema an, das zum wichtigsten seiner Amtszeit geworden ist: Deutschland dürfe sich vor internationaler Verantwortung nicht drücken, auch nicht mit Hinweis auf die historische Schuld, die Deutsche in zwei Weltkriegen auf sich geladen haben. Aber er benennt die aus seiner Sicht entscheidende Konsequenz aus dem unendlichen Leid der Vergangenheit: das gemeinsame Europa als „Sicherung gegen Verirrung und Verführung“. Übersteigerter Nationalismus dürfe nie wieder die Menschen in Europa blenden, die Nation als Heimat nicht zu Überlegenheitsgefühlen gegenüber anderen führen. Gauck verurteilt nationale Gefühle also nicht generell, aber er setzt alle Hoffnung in das „schwierige Projekt“ Europa.

Bei allen Schwächen, die das deutsch-französische Verhältnis mitunter zeigt: Eine gemeinsame Achse des Erinnerns ist möglich. Gauck und Hollande sind hier auf demselben Kurs. Gemeinsam stehen sie auf dem Hartmannsweilerkopf. Damit das, was hier vor 100 Jahren seinen Anfang nahm, nie wieder geschehen wird.