Vom Maidan in Kiew ins Hamburger Rathaus

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Egbert Nießler

In ihrer Heimat riskieren sie viel für Pressefreiheit und Meinungsvielfalt. Journalisten aus Osteuropa werden mit dem Gerd-Bucerius-Förderpreis ausgezeichnet

Hamburg. „Der Konflikt in der Ukraine wird bis Ende des Sommers gelöst sein“, gibt sich Mustafa Nayem optimistisch. Einerseits. Denn falls nicht, rechnet er andererseits dann mit einer echten militärischen Auseinandersetzung mit Russland. Mustafa Nayem ist an der gespannten Situation nicht ganz unbeteiligt.

Im November 2013, zehn Jahre nach der Orangen Revolution in der Ukraine, hatten sich die Umstände für die Menschen in dem osteuropäischen Land unter dem korrupten und diktatorischen Staatschef Viktor Janukowitsch wieder so zugespitzt, dass Mustafa einen Aufruf auf seiner Facebook-Seite verfasste: „Leute, wenn ihr wirklich etwas ändern wollt, dann ,liked‘ nicht nur diesen Beitrag. Schreibt, dass ihr bereit seid, und wir können versuchen, etwas zu starten.“ Innerhalb einer Stunde gingen 600 Kommentare ein – und so schrieb er erneut: „Lasst uns 10:30 Uhr beim Unabhängigkeitsmonument auf dem Maidan treffen.“ Als er ankam, waren 50 Leute da, schnell schwoll die Menge auf 1000 an – und wurde schließlich zur Massenbewegung, die zum Sturz des alten Regimes in Kiew führt.

Mustafa, 1991 in der afghanischen Hauptstadt Kabul geboren, kam 1992 mit seinen Eltern in die Ukraine und hatte zu diesem Zeitpunkt schon eine bewegte Medienkarriere hinter sich. Da alle Zeitungen oder Sender seiner Heimat entweder staatlich oder von Oligarchen kontrolliert und gelenkt werden, gründete er zusammen mit einigen Kollegen im vergangenen November den unabhängigen Online-Sender Hromadske.TV, was so viel wie „öffentliches Fernsehen“ bedeutet und sich durchaus an den öffentlich-rechtlichen Vorbildern in Deutschland oder Großbritannien orientiert. Es wurde der Sender des Maidan, und er bleibt kritisch, auch den neuen Machthabern gegenüber.

Das ist Mustafa Nayem wichtig. Andererseits sieht er aber auch die Notwendigkeit, im Propagandakrieg mit den russischen Medien gegenzuhalten. „Putins Sender geben ein völlig verzerrtes Bild der Situation wieder“, sagte er. Kein Russe sei je in der Ukraine aus nationalistischen Gründen verfolgt oder gar ermordet worden. „Das würden die doch sonst pausenlos ausschlachten“, meint er. Auch der oft ins Feld geführte „Rechte Sektor“ habe längst nicht den Einfluss, der ihm von Moskau und den Separatisten in der Ostukraine nachgesagt wird. „Bei der Wahl sind sie gerade mal auf 0,6 Prozent gekommen, kein einziger Vertreter von ihnen sitzt in einer Behörde oder gar in der Regierung.“ Aber weil natürlich auch die Propagandisten im Kreml wissen, wie allergisch im Westen auf rechtsextreme Strömungen reagiert wird, spielt Putin diese Karte aus.

Der Einfluss Moskaus ist auch in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken zu spüren. Von ihrer Heimat Armenien sagen etwa die beiden Journalisten Armen Melikbekyan und Yuri Manvelyan, dass ihre Heimat im Grunde aufgehört habe, als selbstständiger Staat zu existieren, so groß sei die Abhängigkeit von Moskau. Mit der Folge, dass es kaum noch unabhängige Medien, freie Meinungsäußerung oder faire Wahlen gibt.

Mustafa Nayem wird am heutigen Donnerstag zusammen mit weiteren Kollegen aus der Ukraine, Russland, Armenien, Weißrussland und Aserbaidschan im Hamburger Rathaus mit dem „Gerd-Bucerius-Förderpreis Freie Presse Osteuropas 2014“ ausgezeichnet. Die Laudatio „Auf den Erfolg unseres hoffnungslosen Unternehmens“ hält der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch.