Regieren auch von zu Hause aus

Die Ministerinnen Ursula von der Leyen (CDU) und Manuela Schwesig (SPD) wagen einen Vorstoß

Berlin. Der frisch ergatterte Ministerjob bringt für viele Kabinettsmitglieder das Familienleben durcheinander: Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) hat einen kleinen Sohn, für den sie sich als Landesministerin in Schwerin noch Spielraum freischaufeln konnte. Und die siebenfache Mutter und Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) muss im neuen Ressort zahlreiche Auslandsreisen mit ihrer Großfamilie in Hannover in Einklang bringen.

Diese Zwickmühle nutzen von der Leyen und Schwesig für einen neuen Vorstoß in Sachen Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Die Spitzenpolitikerinnen planen Heimarbeit fernab der Hauptstadt fest ein – von der Leyen in Niedersachsen, Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern. „Unser Lebensmittelpunkt wird weiterhin Schwerin sein“, sagte Schwesig. Dort gehe ihr sechsjähriger Sohn zur Schule und nachmittags in den Hort. „Ich werde zwischen Zuhause und Arbeitsplatz pendeln, dabei aber vieles von meinem heimischen Schreibtisch aus erledigen – die Technik macht’s möglich. Und natürlich wird es feste Auszeiten für die Familie geben, da bleibt das Handy aus. So wie jetzt über den Jahreswechsel.“

Von der Leyen sagte, sie denke darüber nach, wie sie den Posten im Verteidigungsressort mit der Familie vereinbaren könne. „Ich hoffe, dass ich viel von zu Hause aus steuern kann“, sagte die 55-Jährige der „Bunten“.

Mit ihrem Vorstoß bringen die Ministerinnen die Bedürfnisse Zehntausender berufstätiger Mütter zur Sprache, die im Job vorankommen wollen, dafür aber nicht ihr Familienleben komplett hintanstellen möchten. Heimarbeit bei vergleichsweise flexibler und selbstbestimmter Zeiteinteilung erscheint für die meisten berufstätigen Mütter eine Lösung – für viele Arbeitgeber allerdings noch nicht.

Mit ihrem Lösungsvorschlag liegen beide auf einer Linie mit Andrea Nahles

Nun gehen Schwesig und von der Leyen als großkoalitionäres Beispiel in höchster Regierungsverantwortung voran. Von der Leyen hat in Hannover nicht nur ihre Kinder, von denen die meisten ausgezogen sind. Außerdem lebt bei ihr ihr an Alzheimer erkrankter Vater, der frühere niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht. Bei seiner Betreuung helfen Pflegerinnen und die Kinder. War von der Leyen früher als Familienministerin zwischen 2005 und 2009 mehrmals in der Woche von Berlin nach Hannover gependelt, musste sie später als Arbeits- und Sozialministerin mehr Zeit in der Hauptstadt verbringen. Als Verteidigungsministerin kommen Auslandsreisen hinzu.

Mit ihrem Lösungsvorschlag liegen die beiden Ministerinnen auf einer Linie mit ihrer SPD-Kabinettskollegin Andrea Nahles. Die Arbeits- und Sozialministerin hatte bereits am Tag nach ihrer Ernennung für eine neue Arbeitskultur geworben und aufgerufen, Vollzeit neu zu definieren. „Mit dem Anwesenheitswahn muss Schluss sein, denn Familien brauchen auch Zeit“, sagte sie der „Bild“-Zeitung. Väter und Mütter müssten auch in Spitzenjobs mal nachmittags nach Hause gehen können, wenn sie das Krippenspiel ihres Kindes anschauen wollten.

Geht es nach den offiziellen Äußerungen aus dem Kabinett, gewinnt das Familienleben bei Spitzenpolitikern an Bedeutung: So verließ Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU) überraschend die Regierung, um sich mehr um seine Lebensgefährtin und die Familienplanung zu kümmern.

Auch die bisherige Familienministerin Kristina Schröder (CDU) zog sich zurück, damit mehr Zeit für ihre Tochter bleibt. Sie erwartet inzwischen ihr zweites Kind. Und der neue Arbeitsstaatssekretär Jörg Asmussen begründete jüngst seinen Wechsel vom Direktorium der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main in das Berliner Sozialministerium mit dem Wunsch, mehr Zeit mit seiner dort lebenden Familie zu haben. „Nur arbeiten macht nicht glücklich“, sagte er.

Von der Leyen war bereits mit ihrem Eintreten für das Elterngeld für Mütter und Väter, die zur Kinderbetreuung im Job pausieren, zu einem der populärsten Zugpferde der Union avanciert. Außerdem betonte die Verteidigungsministerin, wie wichtig die Unterstützung ihres Ehemanns im neuen Kabinettsposten sei. „Mein Mann ist wunderbar. Er trägt das neue Amt mit“, sagte sie. Er habe ihr zugeraten: „Du musst das machen, was du dir zutraust und womit du dich wohlfühlst.“