Hoffnungsträger

Konkurrenzkampf im bürgerlichen Lager

Die Freien Wähler Hubert Aiwangers galten als frische Kraft. Nun steht dafür die Alternative für Deutschland seines einstigen Mitstreiters Bernd Lucke.

Berlin. Für Hubert Aiwanger und seine Freien Wähler war das vergangene Jahr so etwas eine Achterbahnfahrt. Zuweilen wirbelte es sie derart durcheinander, dass ihr Vorsitzender leicht auch selbst hätte aus der Kurve fliegen können. Doch der studierte Landwirt aus dem niederbayerischen Rottenburg ist erdverbunden und überstand nach der Talfahrt bei der niedersächsischen Landtagswahl im Januar nicht nur den blamablen Abgang des Spitzenkandidaten Stephan Werhahn, der vor genau einem Jahr so hoffnungsvoll gestartet war, sondern auch den Bruch mit den einstigen Mitstreitern von der Wahlalternative 2013.

Aiwanger ist dieser Tage mal wieder in Berlin, um für seine Partei zu werben. „Wir haben uns konsolidiert“, sagt er und streift die Ärmel hoch wie einer, der etwas schaffen will. „Wir bestellen das Feld jetzt dort, wo wir unsere Politik verorten: an der Basis.“ Damit sind sie wieder ganz bei sich und bei dem Politikansatz, mit dem sie im September 2008 erstmals in den bayerischen Landtag einzogen.

Adenauer-Enkel Werhahn kehrte nach Wahlschlappe in Schoß der CDU zurück

Politik für die Bürger wollten sie machen, von den Stadt- und Gemeinderäten aufwärts bis hin zum Bundestag. Jedenfalls meinten sie, davon träumen zu dürfen, als all die prominenten Kritiker der Euro-Rettungspolitik bei ihr anklopften und in gemeinsamen Auftritten mit Aiwanger über Korruption in Griechenland klagten, die milliardenschweren Rettungspakete der Bundesregierung kritisierten und immer wieder neue Lösungsvorschläge für das Euro-Dilemma vortrugen. Der Erfolg, sprich der Einzug in den Bundestag schien zum Greifen nah. Plötzlich sympathisierten Leute wie der frühere BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel mit den Freien Wählern. Henkel war über Monate das prominenteste Gesicht der jungen Bundespartei, indem er in der Rolle des „Geläuterten“ auf Tournee ging und in den Sälen von Flensburg bis München unter dem leidenschaftlichen Applaus des Publikums seinen Wandel vom zweifelsfreien Euro-Befürworter hin zum Euro-Skeptiker zum Besten gab. Die Option einer Mitgliedschaft hielt er sich lange offen, gab den Freien Wählern letztlich aber doch einen Korb.

Und noch einer gehörte damals zum engeren Umfeld von Aiwanger: der Hamburger Professor Bernd Lucke, der Mann, der heute als Chef der Alternative für Deutschland zum Hoffnungsträger all jener aufgestiegen ist, die ihr Vertrauen in die etablierten Parteien restlos verloren haben. Lucke war schon 30 Jahre in der CDU, als er zu den Freien Wählern stieß. Sein Verhältnis zur neuen Partei war allerdings von Beginn an ein ambivalentes, denn er mied jeden Kontakt zu ihren Wurzeln in den Niederungen der Kommunalpolitik, wo die Auseinandersetzungen um die Trinkwasserfrage oder den Bau einer Umgehungsstraße die Agenda bestimmen. Er strebte nach Höherem. Lucke wollte Währungspolitik machen, er drängte aufs Parkett der internationalen Politik. Und anders als andere Wirtschaftsprofessoren mochte er sich nicht damit begnügen, die Bundesregierung mit einer wissenschaftlichen Beweisführung zu kritisieren. Lucke wollte verändern.

Also kooperierte er mit Aiwanger und kandidierte bei der Landtagswahl im Januar auf der Liste der Freien Wähler in Niedersachsen. Nebenher baute er seine Wahlalternative 2013 auf mit einer klar auf den Euro ausgerichteten Agenda. Und nachdem er in Niedersachsen gerade mal 1,1 Prozent der Stimmen bekam, ging er heftig mit der Partei ins Gericht. Auch Aiwanger bekam sein Fett weg. Lucke warf ihm vor, den Wahlkampf nicht genügend unterstützt zu haben. Aiwanger sei primär an seinem eigenen Erfolg und dem des bayerischen Landesverbandes interessiert gewesen. „Dann wollte er uns dazu bringen, dass wir die Wiedereinführung der D-Mark fordern“, sagt Aiwanger. „Damit hat er praktisch den Bruch mit uns provoziert.“ Ein Zurück zur D-Mark hielt und hält Aiwanger für absolut unrealistisch.

Außerdem war auch Stephan Werhahn damals dagegen, sein namhafter Spitzenkandidat für die Bundestagswahl. Auf Werhahn setzten er und seine Freien Wähler im Frühjahr noch große Hoffnungen. Schließlich hatte der Adenauer-Enkel die Partei seines Großvaters nach 40 Jahren aus Protest gegen die Euro-Politik Angela Merkels verlassen und war im vergangenen Sommer mit großem Medien-Echo zu den Freien Wählern übergelaufen. Der kosmopolitische Manager mit internationaler Bank-Karriere war der Gegenentwurf zum bodenständigen Landwirt Aiwanger. Mit Werhahn könnten sich die Freien Wähler in Berlin sehen lassen, dachte nicht nur Aiwanger, sondern auch eine Gruppe von Geldgebern, die nun über die Münchner Agentur Wordstatt Pressekonferenzen arrangierten und den bisherigen Büroleiter des CSU-Abgeordneten Peter Gauweiler als Pressesprecher abwarben.

Doch der musste erleben, wie der Adenauer-Enkel nach dem bescheidenen Abschneiden der Partei bei der Niedersachsen-Wahl das Handtuch warf und in den Schoß der CDU zurückkehrte. Für Aiwanger war dies ein dreifacher Verlust. Erstens war ihm der Spitzenkandidat von der Fahne gegangen, zweitens baute Lucke seine Wahlalternative nun als Konkurrenz auf, und drittens hatte der den Freien Wählern auch noch die Geldgeber abgenommen. Von nun an arbeitete die Agentur Wordstatt für Lucke. Im März organisierte die Agentur Räumlichkeiten für eine große Pressekonferenz in Berlin, im April managte sie den Gründungskongress der AfD im Berliner Hotel Interconti und machte den schmächtigen Hamburger Volkswirt zum medialen Ereignis.

Über Aiwanger und die Freien Wähler sprach nun niemand mehr. Lucke hingegen tourte durch Talkshows und gewann täglich neue Anhänger. Selten ist eine neue politische Organisation in so kurzer Zeit so schnell gewachsen. Und bald schon gab es Umfragen, in denen sich über 20 Prozent der Befragten vorstellen konnten, sie zu wählen. Das hatte auch Aiwanger mit seinen Freien Wählern einst erlebt. Nun kamen Spekulationen darüber auf, wer die Alternative finanziere. Unter anderen wurde Milliardär August von Finck genannt. Auch von den Familienunternehmen war die Rede. Zuletzt erhielten die Gerüchte neue Nahrung über einen Lucke-Auftritt an der Seite eines Vertreters der traditionsreichen Hamburger Privatbank Berenberg, die unter anderem Familienunternehmen berät.

Seit dem Verlust früherer Geldgeber müssen die Freien Wähler aber deutlich kürzertreten. Ihre Haupteinnahmequelle ist neben den Mitgliedsbeiträgen die staatliche Parteienfinanzierung, aus der 900.000 Euro kommen. Für den Bundestagswahlkampf haben sie mit Mühe 200.000 Euro aus ihrem Budget zusammengekratzt. Aiwanger: „Das muss für Plakate, Werbespots und alles andere reichen.“

Nicht nur die Freien Wähler fragen sich, wie sich die AfD finanziert

Unter diesen Bedingungen wäre die AfD gar nicht erst zur Bundestagswahl angetreten. „Wir haben immer gesagt, wenn es nicht mehr als drei Millionen Euro werden, ist es sinnlos“, sagt AfD-Sprecherin Frauke Petry. Nicht nur die Freien Wähler fragen sich, wie eine Partei, die erst wenige Monate alt ist und noch keinen Cent aus der staatlichen Parteienfinanzierung bekommt, über Millionenbeträge verfügen kann. „Ich weiß es nicht“, sagt Aiwanger mit ausdrucksloser Miene. „Ich bin nicht bei der Alternative.“ Jedenfalls bekämen die Freien Wähler keine Konzernspenden und wollten auch keine. „Wir sind gegen jeden Lobbyeinfluss“, sagt er.

Aiwanger muss gehen, sonst verpasst er den Flieger nach München. Einen Adenauer-Enkel hat er nicht mehr als Spitzenkandidaten, stattdessen ein kleines Büro mit einem Pressesprecher, der für ihn die Kontakte in der Hauptstadt organisiert. So wollen die Freien Wähler in Berlin noch einmal ganz von vorn anfangen.