Kein Masterplan für Energiewende

Der Chef der Netzagentur warnt in Hamburg vor den Risiken der Kommunalisierung der Leitungen

Hamburg. Für Jochen Homann ist die Energiewende schöpferische Zerstörung. Etwas Altes stirbt, damit Neues entsteht. Die Atomenergie verschwindet, und in Deutschland drehen sich Windräder. In der Theorie jedenfalls. Homann ist Präsident der Bundesnetzagentur, die den Ausbau von Energieleitungen in Deutschland beaufsichtigt. Und er zitiert den Ökonomen Josef Schumpeter, der den Begriff der schöpferischen Zerstörung bekannt gemacht hatte. In der Praxis führten Politiker, Unternehmer und Verbraucher zuletzt viele Debatten über die Energiewende. Was soll uns das kosten? Wie bauen wir die notwendigen Leitungen aus?

Jochen Homann fordert in der hitzig geführten Diskussion um Strompreis und Netzausbau mehr Gelassenheit von allen Beteiligten. „Es gibt keinen Masterplan für die Energiewende“, sagte er auf einer Veranstaltung des Wirtschaftsrats der CDU in Hamburg. Das Projekt Atomausstieg und der Übergang zu erneuerbaren Energien sei ein Prozess mit vielen Faktoren und immer neuen Herausforderungen. Man könne nicht alles im Voraus planen. „Kolumbus hatte auch einen Masterplan. Und er ist in Amerika gelandet und nicht in Indien.“

Auf der Veranstaltung im Hotel Steigenberger warnte Homann vor den fast ausschließlich männlichen Zuschauern vor den Risiken einer Kommunalisierung der Netze. „Versorgungssicherheit und Steuerbarkeit der Stromversorgung sind leichter zu organisieren, wenn die Netze nicht in der Hand von etlichen Einzelbetreibern sind.“ Die Zuschauer im CDU-Wirtschaftsrat applaudierten. Viele Kommunen hätten die falsche Vorstellung, sie könnten den selbst produzierten Strom auch selbst vertreiben, so Homann. Doch dieses Geschäftsmodell sei gesetzlich verboten. „Auch Kommunen sind gezwungen, alle Stromanbieter für ihre Netze zuzulassen.“ Es gebe keine Garantie, dass ausschließlich der Strom der Kommunen abgenommen werde. Zudem dürften Kommunen die Kosten für die Investitionen in den Bau und die Wartung von Stromnetzen nicht unterschätzen. In Hamburg hatte Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) 2011 bereits 25,1 Prozent der Energienetze für 543 Millionen Euro zurückgekauft. Aus seiner Sicht reicht das aus. Doch er steht einer Volksinitiative gegenüber, die die 100-prozentige Rekommunalisierung der Leitungen und Rohre fordert, um von Vattenfall unabhängig zu werden – geschätzte Kosten: 1,5 Milliarden Euro.

Homann nannte es Träumerei, dass man in Deutschland sofort auf 100 Prozent erneuerbare Energien umsatteln könne. Illusorisch sei auch, nach den Atomkraftwerken nun auch die Kohlekraftwerke abzuschalten. Aufgrund bisher fehlender Stromspeicher für die Wind- und Sonnenenergie seien konventionelle Kraftwerke weiter notwendig. Homann setzt jedoch auf verbesserte Forschung und Innovation, um diese Probleme langfristig zu lösen. Und er sieht in der Energiewende eine große Chance. Wenn der Verbrauch von Kohle und Gas weltweit steigt und neue Atomkraftwerke entstehen, dann könne dieses „einzigartige Projekt“ der Energiewende Deutschland große Vorteile am Weltmarkt bringen.