"Ich frage mich, ob Deutschland Juden noch haben will"

München. Charlotte Knobloch sieht in der Beschneidungsdebatte den Fortbestand jüdischen Lebens in Deutschland infrage gestellt. "Ich frage mich ernsthaft, ob dieses Land uns noch haben will", schrieb die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland in einem Gastbeitrag für die "Süddeutsche Zeitung". Die Juden in Deutschland seien in einer "Situation, wie wir sie seit 1945 hierzulande nicht erlebt haben". "Ich frage mich, ob die unzähligen Besserwisser aus Medizin, Rechtswissenschaft, Psychologie oder Politik, die ungehemmt über ,Kinderquälerei' und ,Traumata' schwadronieren, sich überhaupt darüber im Klaren sind, dass sie damit nebenbei die ohnedies verschwindend kleine jüdische Existenz in Deutschland infrage stellen", schrieb Knobloch.

Der evangelische bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm reagierte "erschüttert" auf ihre Äußerungen. Es sei unerträglich, wenn Jüdinnen und Juden heute die Frage sehen, ob sie als Religionsgemeinschaft in diesem Land noch eine Zukunft haben, teilte Bedford-Strohm mit. Knoblochs Wortmeldung müsse ein Weckruf für Politik und Zivilgesellschaft sein.

In einem Urteil des Landgerichts Köln war die religiös motivierte Beschneidung von minderjährigen Jungen als Körperverletzung gewertet worden, was bei Juden wie Muslimen auf scharfe Kritik stieß. Der Bundestag hat die Regierung aufgefordert, bis Herbst ein Gesetz vorzulegen, das die Beschneidung erlaubt. In Berlin soll sie von sofort an unter strengen Voraussetzungen straffrei bleiben. So müssen die Eltern der Jungen dem Eingriff ausdrücklich schriftlich zustimmen, kündigte Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) an.

( (HA) )