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Schily überrascht, Ströbele fassungslos

Hans-Christian Ströbele muss nach Worten suchen. "Das ist abenteuerlich, das ist Wahnsinn", sagt der Grünen-Abgeordnete zu den neuen Enthüllungen über die Stasi-Mitgliedschaft des Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss.

"Ich gehe davon aus, dass das stimmt", sagte er dem Abendblatt. "Der 2. Juni und die Folgen waren für mich das Schlüsselerlebnis meines politischen Engagements. Von da an habe ich mich in die außerparlamentarische Opposition richtig reingekniet." Ströbele arbeitete damals dem Untersuchungsausschuss zum Tod von Benno Ohnesorg und dem Ermittlungsausschuss der APO in der Berliner TU zu und begleitete als junger Referendar im Rechtsanwaltsbüro von Horst Mahler den Prozess gegen Kurras. Das Büro vertrat die Familie von Ohnesorg als Nebenkläger. "Ich habe damals viele Tage und Stunden mit der Sichtung des Materials und Anhörung von Zeugen verbracht", sagte Ströbele. "Es war völlig undenkbar und nicht im Bereich unserer Vorstellungen, dass Kurras und der Tod von Ohnesorg im Zusammenhang mit der Stasi standen."

Doch für Ströbele war nicht nur der Tod von Ohnesorg, sondern auch das Verhalten der Polizei, der Justiz und Politik danach ein Skandal. "Sie haben zunächst versucht, alles zu vertuschen und zu bagatellisieren", sagt er. "Das hat auch bei mir zu einer Verbitterung und Empörung geführt. Ich sah den Staat deshalb als Gegner." Die möglichen Stasi-Verwicklungen von Kurras werfen für ihn auch auf diese Zeit jetzt ein neues Bild. "War die Stasi auch in die Verhinderung der Aufklärung verwickelt? Wie kam es zu den ganzen Falschmeldungen?", fragt er. "Diese Frage muss jetzt dringend geklärt werden." Ströbele fordert, nachzuforschen, wer damals an den entscheidenden Stellen in der Berliner Polizei und Politik gesessen hat, um mögliche Stasi-Verwicklungen zu klären. "Die Stasi hätte doch kein Interesse daran gehabt, dass Kurras verurteilt wird und dann möglicherweise alles offenbart."

Die Entwicklung der APO wäre nach Meinung von Ströbele "langfristig nicht anders" verlaufen, wenn die Stasi-Verwicklungen von Kurras damals bekannt geworden wären. Aber die aufgeheizte Stimmung und die Wut der Studenten hätten sich nach Ströbeles Einschätzung vielleicht anders ausgewirkt. "Einer der Hauptgründe für die Radikalisierung der Studenten war die Reaktion des Staates", sagt Ströbele. "Auch die RAF hat das als Grund für ihre Militanz angeführt." Doch die Terrororganisation hätte sich nach Ströbeles Meinung dennoch so entwickelt.

Der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily äußerte sich in der "Bild" völlig überrascht: "Diese Fakten hätten die Prozesssituation sicherlich verändert. Die Verwirrung wäre groß gewesen." Schily, der als Rechtsanwalt im Prozess gegen Kurras die Nebenklage der Familie Ohnesorg vertreten hatte, schließt nicht aus, dass die Protest-Szene in der Bundesrepublik sich anders entwickelt hätte.

Michael Buback, Sohn des von RAF-Terroristen ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback, sagte dem "Kölner Stadtanzeiger": "Ich bin erstaunt, dass so ein Vorgang so lange verborgen bleiben konnte."

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