Stuttgart 21

Dietrich Wagner: Blind wegen eines Bahnhofs

Vor einem Jahr traf der Strahl eines Wasserwerfers Dietrich Wagner ins Gesicht. Er wurde zur Figur des Widerstands gegen Stuttgart 21.

Stuttgart. Nahe dem Biergarten ist es passiert. Dort, wo an diesem September-Donnerstag viele Stuttgarter ihre Mittagspause machen, Kaffee trinken, die Sonne genießen. Ein groß gewachsener Mann bahnt sich seinen Weg durch den Schlossgarten. Er hat einen Blindenstock, sein Gang ist unsicher, denn er muss sich immer noch an das Blindsein gewöhnen. Ein Jahr danach.

Er ist nicht hier, um zu genießen. Er ist hier, weil er vor einem Jahr sein Augenlicht an dieser Stelle verloren hat. Und weil ein Foto ihn berühmt gemacht hat.

Das Foto zeigt Wagner mit zerrissenen Augenlidern, zwei Demonstranten stützen ihn. Seine Haare sind zerzaust, Blut färbt seinen grauen Bart rot. Dieses Foto hat Wagner zur Ikone der Stuttgart-21-Gegner gemacht. Es hat sicher dazu beigetragen, dass Bürger nach dem Vorfall gegen das umstrittene Bahnhofsprojekt auf die Straße gegangen sind, dass Heiner Geißler danach versuchte zu schlichten. Und dass die CDU-geführte Regierung von Stefan Mappus bei den Landtagswahlen im März abgewählt wurde und jetzt mit Winfried Kretschmann ein Grüner Ministerpräsident ist. Nur: Viele Wutbürger von einst haben keine Kraft mehr zum Demonstrieren. Sie zerstreiten sich untereinander, die Bahn ist ein mächtiger und ausdauernder Gegner. Deshalb ist Dietrich Wagner häufig hier im Schlossgarten.

Dietrich Wagner, 67 Jahre alt und Rentner, ist auf dem linken Auge praktisch blind, sein rechtes Auge hat noch acht Prozent Sehkraft. Er trägt ein Käppi, Ringel-T-Shirt, kurze Jeans, eine dicke braune Brille mit dunklen Gläsern. An beiden Armen hat er eine gelbe Armbinde mit drei schwarzen Punkten. Sein Blindenstock klackert über den Gehweg. Menschen kann er auf einen Meter Entfernung erkennen. Sein Sichtfeld ist zwei Hände breit. Er sieht unscharf, blickt in den Nebel, wie er sagt. Er sieht Hindernisse, die es gar nicht gibt. "Geisterbilder", sagt Dietrich Wagner.

Sein Trauma hat ihn nicht zum verbitterten Mann werden lassen. Nein, der freundliche Mann mit dem schwäbischen Zungenschlag lacht oft, scherzt gerne. Er freut sich an seinem Widerstand. Denn sein Kampf gegen den Staat schützt Dietrich Wagner vor dem Zusammenbruch.

Dabei war Dietrich Wagner ursprünglich für Stuttgart 21, den modernen Durchgangsbahnhof, den die Bahn, Baden-Württemberg und Stuttgart planten. "Ich dachte, die Planer würden das schon richtig machen", sagt er. Im August 2010 sah er dann immer häufiger Demonstranten im Fernsehen. Er sah, wie Bagger den Nordflügel des Bahnhofs abrissen. Er fuhr eines Morgens um 10 Uhr mit dem Fahrrad zum Bahnhof und sagte seiner Lebensgefährtin Erika, dass er in einer Stunde zurück sein werde. Er kam um 3 Uhr nachts nach Hause.

Er war zum Gegner geworden. Er hatte sich davon überzeugen lassen, dass der alte Bahnhof leistungsfähiger sei als der neue. "Stuttgart 21 ist Geldverschwendung", sagt Wagner. Ökologische Gründe hätten für ihn keine Rolle gespielt, sagt er. Aber er fand damals Gefallen am Dagegensein - er sagt, er sei immer schon staatskritisch gewesen. In Stuttgart 21 fand die Unzufriedenheit der Bürger mit dem Staat ihr Ventil. Das fand Wagner gut. "Oben bleiben!", das ist der Gruß, mit dem sich die S21-Gegner begrüßen. Oben bleiben - im Kopfbahnhof.

Er hat mal Physik studiert in den 60er-Jahren, dann aber hingeworfen und sich selbst Elektrotechnik beigebracht und als selbstständiger Ingenieur im Bereich elektromagnetische Verträglichkeit gearbeitet.

Wenige Tage nach seiner Bekehrung ging er auf eine Demo gegen Stuttgart 21. Er sagt, er habe heute noch ein schlechtes Gewissen wegen eines Transparentes, das er damals hochgehalten habe. "Darauf stand, dass Schüler die Schule schwänzen sollen, um am 30. September zu demonstrieren. Wenn ich gewusst hätte, was für ein Verbrechen der Staat an diesem Tag begehen würde, hätte ich das Schild nie hochgehalten", sagt er. Doch so stand er am 30. September mit Zehntausenden im Schlosspark und demonstrierte dagegen, dass die ersten Bäume gefällt werden sollten. Die Polizei habe hektisch reagiert, die Beamten seien wild durch die Gegend gerannt, erinnert er sich. Dann seien Wasserwerfer eingesetzt worden, Wagner wurde nass. Ihm wurde kalt, er wollte nach Hause, sagt er. Es gibt Videos der Polizei, die ihn in der Nähe des Wasserstrahls zeigen, wie er wild mit den Armen herumrudert. ",Hört auf mit dem Wahnsinn!', habe ich den Männern auf dem Wasserwerfer zugerufen", sagt Wagner. Er gibt zu, dass er mit Kastanien auf die Beamten geworfen habe. Die Polizisten sagen, es waren Steine. Sie fühlten sich von ihm provoziert. "Um 13.47 Uhr wurde ich vom Wasserwerfer abgeschossen", sagt er nüchtern. Er hörte einen lauten Knall, dann verlor er das Bewusstsein. Der Schlosspark wurde geräumt. Das Rote Kreuz sprach danach von 100 Verletzten, die Protestinitiativen von 400. Am schlimmsten betroffen: Dietrich Wagner.

Sein Anwalt hat später festgehalten, welche Schäden Wagner erlitt: Die Ober- und Unterlider beider Augen rissen, auch der rechte Tränenkanal und die Netzhaut und die Bindehaut an beiden Augen. Die Linsen beider Augen rissen aus ihrer Halterung, die Augenbodenknochen brachen, auch der rechte Augenseitenknochen zertrümmerte.

Wagner kam wieder zu sich, als ihn die beiden Männer wegtrugen. "Ich sehe nur schwarz", habe er gerufen, den Schmerz spürte er da noch nicht.

Drei Wochen musste er in die Klinik, sagt er. Während er achtmal operiert wurde, wurde er draußen in der Republik zur Ikone. Wagner, der mutige Bürger, der sich gegen den Staat auflehnt und sich schützend vor Schüler stellt. Er bekam viele Briefe in die Klinik. Bei den Demonstrationen malten sich die Menschen blutende Tränen ins Gesicht oder sie druckten Wagners Gesicht auf Plakate. Jeder macht sich sein Bild von ihm. Anfangs kam er nicht damit zurecht, sagt er. Aber heute gehe es.

Als er nach Hause entlassen wurde, bekam er einen Blindenstock. Er organisierte sich mehrere Lupen, mit denen er mühsam lesen kann. Er weigerte sich, die Blindenschrift zu lernen. Er absolvierte ein Blindentraining. Er stieß gegen viele Wände, verschüttete Kaffee. Seine Lebensgefährtin Erika muss ihn seitdem rasieren und anziehen.

Wenig später wollte er wieder in den Schlossgarten. Den Weg dorthin kennt er - von der 78-Quadratmeter-Wohnung im zweiten Stock eines Hauses im Stuttgarter Westen braucht er 20 Minuten mit der U-Bahn-Linie 4.

Das Foto, das ihn berühmt machte, hat er sich erst ansehen können, als er wieder ein wenig sehen konnte, das war nach zwei, drei Monaten. Es fällt ihm schwer, seine Emotionen von damals auszudrücken. "Klar, ich war erschüttert", sagt er.

Dietrich Wagner bleibt an der Stelle stehen, wo er blind gemacht wurde. Er sagt: "Doch, einen gewissen Hass habe ich in mir." Dieser Hass befähigt ihn zu seiner Mission. Er hat gemerkt, wie das Thema Stuttgart 21 langsam immer kälter wurde nach der Landtagswahl. Schon die Schlichtung durch Heiner Geißler hatte die Emotionen abkühlen lassen, was Wagner wütend macht.

Er sah, wie viele der jungen Menschen, die ihn für den Kampf gegen den Bahnhof angesteckt hatten, nicht mehr wollten. Keine Kraft mehr hatten, aufgerieben wurden, sich zerstritten. Plötzlich kamen nicht mehr so viele Menschen zu den Demonstrationen. Die Medien berichteten nicht mehr. Und in den Umfragen waren plötzlich mehr Baden-Württemberger für Stuttgart 21 als dagegen.

Wagner handelte: Er kommt häufig zu den Mahnwachen an Bahnhof. Besetzt das Gelände. Lässt sich von den Polizisten wegtragen. Die Beamten kennen ihn schon, begrüßen ihn mit "Guten Tag, Herr Wagner." Er kommt immer wieder. Er kennt ja den Weg. Die Menschen, die ihm begegnen, erkennen ihn. "Hallo Dietrich!", rufen viele. Ein Mann bleibt mit seinem Fahrrad stehen und sagt: "Sie sind doch der Herr Wagner!" Dann wünscht er ihm alles Gute und sagt, er solle weitermachen. Wagner bedankt sich und sagt: "Ich habe jetzt keine Zeit, ich muss weiter."

Die Parkschützer, ein Protestbündnis, haben ihn zu einer Pressekonferenz unter freiem Himmel eingeladen, am Vortag des ersten Jahrestages des "Schwarzen Donnerstags", so wird der 30. September 2010 von den Aktivisten genannt. Ihr Protest richtet sich vor allem dagegen, dass die vielen alten Platanen und Kastanien Stuttgart 21 weichen müssten. Sie erhoffen sich durch Wagners Auftritt mehr Aufmerksamkeit. Doch Wagner verstört seine Anhänger.

Er setzt sich auf die Holzbank, die die Aktivisten aufgestellt haben - auch zwei andere Opfer des "Schwarzen Donnerstags" sind da.

Er hat ein Pappschild dabei. Darauf steht "30.09. - CDU-KZ ungesühnt". Er vergleicht die Polizeiaktionen von damals mit einem Konzentrationslager. Für Wagner ist der 30. September ein genau so schweres Verbrechen wie die Niederschlagung des Arbeiteraufstandes in der DDR am 7. Juni 1953. "Das Verbrechen war langfristig geplant", ruft er durch sein Mikro in den Schlosspark; schließlich seien auch die Geheimdienste "unserer amerikanischen Besatzer" vorher informiert gewesen.

Seine Zuhörer schauen sich irritiert an. Wagner hat seine Brille jetzt abgenommen. Seine kaputten Augen sind nur noch zwei schmale Schlitze. Wagners Anwalt wird später über seinen Mandanten sagen: "Ich entschuldige seine Aussagen mit seiner Situation."

Dietrich Wagner hat Strafanzeige gegen die Polizeiverantwortlichen gestellt. "Faschistoide Befehlsempfänger" seien das. Das Stuttgarter Verwaltungsgericht soll feststellen, ob der Einsatz verfassungswidrig war. Auf Schadenersatz und Schmerzensgeld will er klagen.

Auch gegen Wagner gab es ein Ermittlungsverfahren, wegen versuchter Körperverletzung. Es wurde eingestellt, weil er selbst schon genug gestraft sei. "Ich wurde begnadigt, weil der Staat wollte, dass ich und mein Anwalt nicht weitermachen." Aber da hätte sich der Staat getäuscht. Das Geld sei nicht das Wichtigste für ihn, sagt Wagner. "Ich komme auch mit wenig Geld aus." Seine Lebensgefährtin Erika sagt, dass sie das Geld schon bräuchten.

Dietrich Wagner sagt, dass er weiter gegen den Staat protestieren wird. Gegen die Korruption im Land. Seinen Staatsglauben habe er verloren. Er spricht von Waffengeschäften und korrupten Staatsanwälten, der Finanzkrise. Stuttgart 21 ist für ihn das Ventil, seine Botschaft loszuwerden. "Die Korruption ist in unserem Staat - immer und überall", sagt er. Dass sein Hass schon wahnhafte Züge hat, nimmt er nicht wahr. Es ist seine Medizin.

Würde er sich noch einmal vor den Wasserwerfer stellen? "Ich würde das wirklich nicht wieder tun", sagt er. "Ich war damals etwas naiv."

Vor dem 30. September 2010 hatte Dietrich Wagner zwei Hobbys. Er werkelte gerne. Und er betrachtete die Sterne. Er hat sich ein Funkgerät zusammengelötet. Und auch das Fernrohr, mit dem er früher zum Himmel blickte, hat er selbst angefertigt. Er kann nicht mehr werkeln und auch keine Sterne mehr sehen. "Ich hab es probiert", sagt er. "Das macht keinen Sinn mehr." Es klingt abgeklärt, seine Stimme gibt keine Emotionen preis.

Er glaubt tatsächlich, dass Stuttgart 21 noch verhindert werden kann. Durch Aktivisten wie ihn. Der Kampf im Schlossgarten geht weiter. "Langfristig siegt doch immer die Wahrheit", sagt Dietrich Wagner.