Bundeskanzlerin

Angela Merkels Dominanz hat eine Delle

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Nina Paulsen

Nicht nur neben Joachim Gauck wird es die Kanzlerin schwer haben. FDP-Chef Philipp Rösler lässt keinen Zweifel an seinem neuen Machtanspruch.

Berlin. Angela Merkel brüllt. So richtig vorstellen kann man sich das eigentlich nicht. Sie, die kühl-sachliche Bundeskanzlerin, die Technokratin, Machtpolitikerin. Ein Kopfmensch. Zwar kann sie manchmal auch ganz vergnügt oder sichtlich grimmig daherkommen - aber im großen Gefühlsausbruch zergehen? Diese Vorstellung ist fremd. Und befremdlich auch.

Und doch ist es passiert. Angela Merkel hat losgelassen. Einer plötzlichen Wut nachgegeben und - wahrscheinlich - die Kontrolle verloren. Ein Bauchmensch, wenige Sekunden lang. Eine offizielle Bestätigung dessen, was sich am vergangenen Sonntagabend im Kanzleramt zugetragen hat, gibt es zwar bis heute nicht. Doch es wurde geredet in Berlin. Viel geredet. Und wenig dementiert. Für besonderes Aufsehen sorgte demnach eine Szene, bei der Merkel sich mit FDP-Chef und Vizekanzler Philipp Rösler zurückgezogen hatte. Gerade war bekannt geworden, dass die Liberalen gegen den bis dahin erklärten Willen der Kanzlerin für Joachim Gauck als Bundespräsident votieren würden. Draußen vor der Tür saßen FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle und Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) zusammen. Und da war sie zu hören. Laut, schreiend, tobend. "Wollt ihr das?" - vor allem dieser Satz, diese Frage Merkels ist es, die den Weg nach draußen gefunden hat und seither immer und immer wieder zirkuliert. Was die Kanzlerin damit meinte: das Aus der Koalition. Im schlimmsten Fall hätte das Neuwahlen bedeutet - mitten in der Euro-Krise. Im Prinzip völlig undenkbar. Für einen Moment lang war es Merkel egal.

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Dass sie sich wieder gefangen hat, ist bekannt. Der Ausgang des Abends auch. Doch dieser denkwürdige Sonntag markiert eine Zäsur, die in vielerlei Hinsicht die Verwundbarkeit Merkels offenbart.

Alles schien ihr bisher zu gelingen. Weder die Wendemanöver ihrer CDU in Sachen Atomenergie, Wehrpflicht oder Mindestlohn wurden ihr zur Last gelegt noch die ewigen Scharmützel und Streitereien innerhalb der schwarz-gelben Koalition. Und erst die Euro-Krise. Je länger sie sich hinzieht, desto mehr hinterlässt Merkels Performance einen positiven Eindruck bei den Bürgern. Obwohl die generellen Zweifel über die immer neuen Rettungspakete für Griechenland groß sind, ist die Kanzlerin beliebt wie nie. Die Bürger schätzen ihren Stil. Und auch Merkel hat mit der Zeit gelernt, sich zu inszenieren - nicht nur als Kanzlerin, sondern als Präsidentin, Außen- und Wirtschaftsministerin in Personalunion, die reist, rettet, verhandelt. Es war dabei vor allem die Schwäche der anderen, die sie für sich zu nutzen wusste.

Christian Wulff - auch vor seiner Kredit- und Medienaffäre war er immer ein Bundespräsident, der seine Rolle noch finden musste und nur selten durch richtungweisende Reden glänzen konnte. Außenminister Guido Westerwelle galt lange als der abgekanzelte Ex-Chef der FDP, von der eigenen Partei demontiert. Und Rösler, der echte Wirtschaftsminister und Vorsitzender einer Drei-Prozent-Partei, hat es meistens nicht vermocht, sich gegen Merkel durchzusetzen. Immer wieder wurde er den teils vollmundigen Ankündigungen, er werde "liefern", nicht gerecht. Dieses Kräfteverhältnis wurde am Sonntag endgültig zerstört.

Mit dem populären Joachim Gauck hat die Kanzlerin, ob sie wollte oder nicht, nun einen Bundespräsidenten ins Schloss Bellevue gehoben, der das Potenzial hat, sie zu überstrahlen. Genau wie sie wird er sich nicht im parteipolitischen Kleinklein verlieren, sondern versuchen, das große Ganze im Blick zu haben. Zwar wird er nicht einen Millimeter in ihre Geschäfte eingreifen, aber er kann mehr als sein Vorgänger durch seine Reden eine Richtung vorgeben - im Zweifel auch gegen die Linie Merkels. Die gefühlte Präsidentin wird jetzt durch den echten Präsidenten abgelöst werden. "Es entsteht ein neues Kraftzentrum", prophezeit der schleswig-holsteinische FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki bei "Focus Online". Gauck werde "der Demokratie guttun, denn die öffentliche Dominanz von Angela Merkel wird abnehmen".

Für sich genommen wäre das für sie verkraftbar. Wäre da nicht die wieder erstarkte FDP, die der Kanzlerin mit ihrem Vorpreschen die bitterste Niederlage ihrer Amtszeit bescherte und die Frage aufwirft, ob es jemals ein offensichtlicheres Versagen von Merkels oft gerühmter Fähigkeit gegeben hat, die Dinge vom Ende her zu denken. Den rot-grün-gelben Pakt für Gauck hat die Kanzlerin nicht kommen sehen. Rösler hat gesiegt.

Wie viel Selbstbewusstsein das dem Vizekanzler gebracht hat, konnte man am Donnerstagabend im Fernsehstudio von ZDF-Talkmaster Markus Lanz beobachten. Breitbeinig sitzt Rösler auf seinem Sessel und berichtet süffisant, wie er seiner Duzfreundin Angela im Präsidentenpoker den Kandidaten Gauck aufgezwungen hat. "Herr Rösler, jetzt mal ganz ehrlich, bitte. Die haben Sie doch über den Tisch gezogen?", fragt Lanz. Mit "die" meint er Merkel. Und der Minister, mit unüberhörbarer Ironie: "So würde ich das niemals sagen." Gelächter im Publikum. Applaus für den FDP-Chef. Mit derselben Ironie geht es weiter, als Rösler mit einem breiten, wissenden Grinsen von "einer lebhaften Debatte" spricht, als es um Merkels Wutanfall geht. Wieder Applaus. Rösler erzählt dann feixend, dass es eigentlich seine Ehefrau war, die ihn auf Gauck gebracht hat.

Was Merkel bei alldem gedacht hat, wird ihr Geheimnis bleiben. Des Vizekanzlers Auftritt ist eine offene Provokation. Rösler testet Grenzen aus. Zwar muss die CDU-Chefin wegen der Euro-Krise nach wie vor auf den Koalitionspartner setzen - für die Bundestagswahl 2013 könnte sie sich nun aber zweimal überlegen, ob es sich lohnt, die in den Umfragen siechende FDP weiter zu unterstützen.

Für den Moment hat Philipp Röslers Partei an Boden gutgemacht und Angela Merkels Kanzlerschaft eine Delle verpasst. Gut möglich, dass sie nicht allzu lange halten wird. Ein erfahrener FDP-Mann wurde in dieser Woche so zitiert: "Merkel vergisst nicht."