Debatte um Gaucks Lebensgefährtin

CSU-Mann: Gauck soll heiraten, Wiefelspütz: "Halt den Mund!"

Mit Norbert Geis fordert ausgerechnet ein Politiker aus der CSU den designierten Bundespräsidenten auf, sein Leben zu ordnen.

Berlin. Empörte Reaktionen hat die Forderung aus der CSU ausgelöst, der designierte Bundespräsident Joachim Gauck solle doch heiraten. Vom Außenminister über SPD und Grüne bis hin zur Linken bekam der CSU-Familienpolitiker Norbert Geis dafür am Dienstag Stillosigkeit bescheinigt. Gaucks Lebenspartnerin, die Journalistin Daniela Schadt, sagte, sie wolle ihr Privatleben „nicht ventilieren“.

Der 72 Jahre alte Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten ist seit 1959 verheiratet und hat vier Kinder. Von seiner Frau lebt er aber seit 1991 getrennt. Seit 2000 ist er mit Schadt liiert.

Die „Passauer Neue Presse“ zitierte Geis (73) mit den Worten: „Es dürfte wohl im Interesse des Herrn Gauck selbst sein, seine persönlichen Verhältnisse so schnell als möglich zu ordnen, damit insoweit keine Angriffsfläche geboten wird.“

Außenminister Guido Westerwelle hält die Debatte über Gaucks persönliche Verhältnisse für unsäglich. „Die Kritik an den persönlichen Lebensverhältnissen des nominierten Bundespräsidenten ist stillos“, sagte der FDP-Politiker der „Rheinischen Post“. Deutschland sei schließlich ein „modernes Land“.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) sagte: „Das ist keine Staatsaffäre.“ Im Nachrichtensender N24 fügte der SPD-Politiker hinzu: „Ich unterstelle mal, dass er seine Lebenspartnerin auch liebt. Und da bin ich dann wiederum auch konservativ, die Frau, mit der ich zusammenlebe und auch weiter zusammenleben will, die kann ich doch auch heiraten.“

Eine scharfe Absage bekam Geis vom SPD-Innenexperten Dieter Wiefelspütz. „Ich kann meinem Freund Norbert Geis nur zurufen: Halt den Mund!“, sagte Wiefelspütz der „Mitteldeutschen Zeitung“. „Das ist eine abwegige Diskussion. Als ob wir keine anderen Sorgen hätten!“

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Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Fraktion im Bundestag, Volker Beck, sagte: „Wie Herr Gauck sein Privatleben lebt, geht niemanden etwas an. Und es bildet einen Teil der Realität ab, dass auch Unverheiratete zusammen leben. Ich erwarte da von Herrn Geis den entsprechenden Respekt.“ Gaucks Privatleben sei geordnet, aber eben „anders geordnet“.

Selbst der Vorsitzende der Linken, die Gauck nicht mitwählen wollen, meldete sich kritisch im Kurznachrichtendienst Twitter zu Wort. Klaus Ernst kommentierte: „Was für eine mittelalterliche Debatte! Es gibt viel, was gegen Gauck als Präsident spricht, seine Lebensverhältnisse gehören nicht dazu.“

Die angehende First Lady selbst ist noch nicht aus dem Staunen herausgekommen. „Ein bisschen unwirklich“ findet Gaucks Lebensgefährtin den Gedanken an eine Zukunft im Schloss Bellevue.

Was künftig alles auf sie zukomme, vermöge sie sich nicht recht vorzustellen, sagte Schadt der „Nürnberger Zeitung“. Bei dem Blatt ist Schadt als Leitende politische Redakteurin beschäftigt. „Ich muss mich noch ein bisschen sortieren“, fügte sie hinzu. So richtig wahrhaben könne sie die Umstellung noch nicht. Für diese Woche habe sie sich erst einmal Urlaub genommen, um zu ihrem Partner nach Berlin zu fahren.

Die deutschen Kommentatoren beleuchten unterdessen weniger die Lebensverhältnisse als die Rolle der FDP bei der Kandidatenkür. In einem sind sich alle einig: Bundeskanzlerin Angela Merkel ist sauer – und das wird für die Liberalen Folgen haben.

Die „Bild“-Zeitung bescheinigt dem FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler, Führungsstärke bewiesen und sein Meisterstück abgeliefert zu haben. „Der angeschlagene FDP-Chef konnte sich in einer der wichtigsten Fragen dieser Legislaturperiode gegen die Kanzlerin durchsetzen. Rösler blieb standhaft – selbst als Merkel ihm mit dem Rauswurf aus der Regierung drohte. Diese Standhaftigkeit verdient nicht nur Respekt, sie kann auch zum Auslöser für einen Neustart der Liberalen werden.“

Für die „Westdeutsche Zeitung“ in Düsseldorf sind die Liberalen allenfalls in einem Zwischenhoch: „Der Schachzug mit Gauck nützt langfristig eher Merkel. Der Kanzlerin stehen trotz zähneknirschender Zustimmung alle Koalitionen für 2013 offen. Die FDP von Rösler, Brüderle und Westerwelle aber verfügt seit Jahren nur noch über einen potenziellen Partner. Und den hat sie nachhaltig vergrault.“

Im „Mannheimer Morgen“ heißt es, Rösler habe erstmals Durchsetzungsvermögen an den Tag gelegt. „Die FDP selbst dürfte allein von der Kür wenig profitieren, denn die Wähler messen ihre Leistung eher am politischen Alltag – und der sieht grau aus. Nur wenn die Liberalen mit vernünftigen Inhalten in der Regierung vorkommen, kann es mit ihnen bergauf gehen. Die seit Sonntag aufgeheizte Stimmung bei der CDU/CSU gibt der FDP Chancen zur Profilierung.“

Die „Neue Osnabrücker Zeitung“ bescheinigt der FDP, aufs richtige Pferd gesetzt zu haben: „Sich strikt auf Joachim Gauck festzulegen, war ungemein raffiniert von der FDP. Schließlich hätte sich der Sinkflug der Liberalen und ihrer Themen ohne den neuen Mann für das Präsidentenamt ungebremst fortgesetzt.“

Der Kommentator der „Mittelbayerischen Zeitung“ (Regensburg) sieht den kleinen Koalitionspartner in Gefahr und schreibt: „Bei zerrütteten Ehen im Film läuft das meist so: Der Ehemann macht in geselliger Runde einen Witz auf Kosten seiner dabei anwesenden Frau. Sie macht gute Miene zum bösen Spiel, um ihm bei nächster Gelegenheit die Reifen des Sportwagens zu zerstechen. Die FDP kann froh sein, wenn sie mit solchen Kleinigkeiten bestraft wird.“

Für das „Westfalen-Blatt“ (Bielefeld) haben die Liberalen Merkel düpiert. „Die Kanzlerin hat am Wochenende lernen müssen, dass sich sogar eine am Boden liegende FDP nicht unbegrenzt demütigen lässt. Dass die Liberalen im Zweifel sogar den Koalitionsbruch in Kauf genommen hätten, um sich einen Rest an Selbstachtung zu wahren, dürfte die CDU-Vorsitzende überrascht haben. Ein großer Schaden aber muss ihr daraus nicht zwangsläufig entstehen. Ihr Einlenken in letzter Minute bringt ihr mindestens soviel Respekt in der Bevölkerung ein, dass die Häme der politischen Konkurrenz zu verkraften ist.“

Auch die „Märkische Oderzeitung“ (Frankfurt/Oder) gewinnt dem Debakel für Merkel noch etwas Positives ab: „Im Moment noch scheint es so, als ob Angela Merkels Umschwenken zu dem Kandidaten, den sie ablehnte, ein Zeichen von Schwäche wäre – falls der Koalitionskrach darüber nicht sowieso nur eine Scharade ist, um der FDP auf die Füße zu helfen. Aber ein Erfolg Gaucks wäre auch ihrer: Weil sie als klug und stark genug erschiene, sich selbst zu korrigieren.“ (dapd)