Der Bahnchef vom Moorburger Bauernhof

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Berliner Begegnungen: In loser Folge trifft das Abendblatt Menschen, die in der Hauptstadt eine wichtige Rolle spielen. Teil 2: Besuch bei einem Hamburger, der jeden Tag zwei oder drei Bahnkunden persönlich anruft

Als er bei Daimler war, hatte er noch einen Vornamen. Jetzt heißt er Bahnchef. "Bahnchef Grube". Diese Entwicklung teilt er mit anderen wichtigen Männern. Zum Beispiel mit "DGB-Chef Sommer". Oder mit "VW-Chef Winterkorn". Bahnchef ist Dr. Rüdiger Grube seit dem 1. Mai 2009. Damals musste Hartmut Mehdorn seinen Hut nehmen, weil aufgeflogen war, dass der Staatskonzern seine Mitarbeiter bespitzelt hatte.

Wie erfährt man, dass man für so eine große Aufgabe vorgesehen ist? Und von wem? "Ich bekam nachts eine SMS", sagt Rüdiger Grube. Und was stand drin? "Ich muss Sie dringend wegen der Bahn sprechen." Und dann? "Dann habe ich zurückgeschrieben: 'Auch Vorstände von Daimler arbeiten um diese Zeit noch.'" Anschließend haben Rüdiger Grube und die Kanzlerin telefoniert, und am nächsten Morgen ist er von Stuttgart nach Berlin geflogen, um die Einzelheiten mit dem Bundesverkehrsminister zu besprechen. So kann's gehen. "Ja", sagt Grube und muss lächeln, "so kann's gehen", und sein Blick streift ein Foto, das ihn mit Angela Merkel zeigt.

Die sogenannte Datenaffäre hat Grube damals übrigens schnell in den Griff gekriegt. Nicht zuletzt dadurch, dass er den Konzernvorstand fast komplett austauschte. Auch die Krise im Sommer 2010, in dem die Klimaanlagen in den ICE-Zügen nahezu reihenweise ausfielen und die Bahn dem Gespött der Kundschaft preisgab, bewältigte Grube dank seines Kommunikationstalents und seiner Offenheit vergleichsweise elegant. Die härteste Prüfung kam mit den massiven Protesten gegen den Aus- und Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs, der aus Demonstranten Wutbürger machte. Manchmal sei er wochenlang so gut wie gar nicht zu Hause gewesen, sagt Grube. So einen Job könne man eben nur mit vollem Einsatz machen. "Das fordert einen schon richtig. Und wenn du am Wochenende mal sechs, sieben oder sogar acht Stunden schläfst, dann machst du das, weil die Vernunft sich meldet, aber dir würden hundert Sachen einfallen, die du eigentlich machen müsstest." Erstaunlicherweise klingen solche Sätze bei Grube völlig uneitel.

Die Familie lebt übrigens im Nordschwarzwald. Das heißt, vom Stuttgarter Flughafen nach Hause sind's mit dem Auto noch einmal 40 Minuten. Nicht gerade praktisch für einen, der sein Hauptbüro in Berlin hat und ein anderes in Frankfurt am Main, aber andererseits schön weit weg, wenn man mal angekommen ist. "750 Meter hoch. Da weht schon kräftig der Wind." Ist es ein altes Haus? "Ja", sagt Grube mit dem fatalistisch-zufriedenen Seufzer, den man von anderen Hausbesitzern kennt, "und von dem, was wir in den vergangenen 16 Jahren da reingesteckt haben, hätten wir zwei neue bauen können."

Dort sind Grubes Frau und die beiden Kinder geblieben. Wegen des neuen Jobs wollte Grube die Familie nicht verpflanzen. Der Sohn ist zurzeit Rettungssanitäter und will anschließend Medizin studieren ("Er möchte Unfallchirurg werden"), die Tochter steht kurz vor dem Abitur. Sie sei, sagt der Vater, eine begabte Querflötistin und habe schon mehrfach bei "Jugend musiziert" gewonnen. Spielt Rüdiger Grube auch ein Instrument? "Ja, früher. Als Kind musste ich Akkordeon spielen, aber als ich mich selbst entscheiden konnte, habe ich die ersten Klavierstunden genommen." Wann war das? "Mit 26." Lieblingskomponist? "Mozart."

In Berlin hat Rüdiger Grube eine Wohnung in der Nähe des Brandenburger Tors, das Büro befindet sich am Potsdamer Platz. Aber was heißt schon "Büro". Schon das von der Decke bis zum Boden verglaste Sekretariat ist eine Sensation. Grube selbst hat einen Panorama-Blick vom Kanzleramt, das im Tiergarten liegt, bis zum Anhalter Bahnhof in Kreuzberg. Mindestens 150 Grad. In diesem atemberaubenden Raum, der sich in dem von Helmut Jahn Mitte der 90er-Jahre entworfenen Turm befindet, glaubt man, über der Stadt zu schweben. Erst recht an einem klaren Wintermorgen wie diesem, an dem die Sonne noch nicht aufgegangen ist. Vergleichbares kennt der normale Mensch nur aus amerikanischen Filmen. Unten, am Fuße des Bahn-Towers, da, wo es immer wie Hechtsuppe zieht, steht übrigens ein Fahrkartenautomat. Das nennt man Service.

Apropos, hat man das richtig verstanden, dass Rüdiger Grube zwei, drei Bahnkunden pro Tag persönlich anruft? Egal ob sie von seinem Unternehmen begeistert sind oder meckern wollen? "Stimmt", sagt der Bahnchef und lässt sich gleich mal eine Nummer vom Sekretariats-Stapel "Tel.-Kandidat?" geben. Und zwar die von Helga und Dieter Bruch in Hilden. Die haben ihm per Mail geschrieben, dass sie aus einer geplanten Busreise gerade umständehalber kurzfristig eine Bahnfahrt machen mussten. "Nach den vielen kritischen Berichten", so die Bruchs, sei es ihnen "ein Anliegen, Ihnen auch einmal eine positive Rückmeldung zu geben". Frau Bruch scheint auch gar nicht überrascht, morgens um 8.39 Uhr vom Bahnchef - "Guten Morgen, Frau Bruch, hier spricht Rüdiger Grube ..." - angerufen zu werden. Als ihr der Bahnchef sagt, seine Laune sei beim Lesen dieser Mail "gleich um 100 Prozent besser geworden", meint Frau Bruch nur trocken, das freue sie. Und: "Hoffentlich hält das lange an!" Nein, leider sei Herr Bruch schon aus dem Haus gegangen, aber, ja, selbstverständlich werde sie ihn von Herrn Grube grüßen. Rüdiger Grube ist übrigens schon seit Stunden auf. Um fünf Uhr ist er im Tiergarten gejoggt. "Laufen", sagt er, "ist für mich seit 40 Jahren wie Zähneputzen." Mensch, was ist man doch selbst für eine Memme, denkt man sich beschämt, während Grube schwungvoll fortfährt, dass er gern an der frischen Luft ist. "Es ist mir eigentlich egal, ob's schön ist, ob's regnet, stürmt oder schneit, ich laufe immer."

Stimmt es, dass er am Wochenende sogar 20 Kilometer läuft? "Das stimmt. Oft sogar zweimal." Rüdiger Grube sagt das nicht angeberisch, sondern weil er es offenbar nicht mag, wenn Sachen missverständlich sind. Es sei übrigens seine Erfahrung, so Grube weiter, dass Leute, die besonders leistungsorientiert seien, irgendwann Leistungssport gemacht hätten. Ein Rundblick durch seinen Bekanntenkreis bestätige das. Mehdorn etwa auch? "Nee", sagt Grube sichtlich amüsiert, "den kenn ich schon sehr lange, aber Sport ist nicht sein Ding." Und sehr gut kennt er Mehdorn ja auch. Immerhin hat er ihm Anfang der Neunziger, als Mehdorn noch Chef der Deutschen Airbus GmbH in Hamburg war, als Büroleiter gedient. Und danach begann bekanntlich Rüdiger Grubes Aufstieg bei Dasa. Davon abgesehen ist Hartmut Mehdorn Grubes Trauzeuge gewesen.

Dass Grubes Karriere erst mit Ende 30 begann, war seiner Herkunft geschuldet. Rüdiger Grube stammt aus Moorburg. Den Großeltern mütterlicherseits gehörte dort ein Bauernhof. Die entscheidenden Dinge habe er dort verinnerlicht, sagt Grube. Unbedingte Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit, Respekt vor anderen Menschen. Grube spricht von einer behüteten Kindheit, trotz der frühen Trennung der Eltern.

"Es war einfach, aber wir haben eigentlich alles gehabt. Schweine, Kühe und Pferde. Obst auch, aber ein richtiger Obsthof war es nicht, das fängt ja erst bei Francop an." Eine Eisenbahn hatten Rüdiger Grube und sein Bruder übrigens auch. "Weihnachten bestand auch aus Geschenken von Märklin."

1962 hatte die Familie erst mal gar nichts mehr. Damals soff der Hof in der großen Flut ab. Zwei Meter und zehn stand das Wasser im Haus und in den Ställen hoch. Und dann landete Helmut Schmidt im Katastrophengebiet. "Wir hörten den Hubschrauber", erinnert sich Grube, "und liefen auf den Deich. Schmidt sagte zu uns: 'Jungs und Mädels, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für euch. Die gute ist: Eure Schule ist kaputt. Die schlechte: Ihr müsst trotzdem weiter zur Schule gehen, nur in eine andere.'"

Die Schule war übrigens eine Hauptschule. Den Realschulabschluss hat Rüdiger Grube gegen den Willen seiner Eltern gemacht. Anschließend fing er eine Lehre als Metallflugzeugbauer bei der Hamburger Flugzeug GmbH an, die Teil der Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH war. Nebenher gründete er die Lehrlingszeitung, die offenbar auch bei Blohms zu Hause gelesen wurde. Jedenfalls rief eines Tages Werner Blohm in der Lehrwerkstatt an und bestellte den jungen Mann nach Blankenese. Nachdem Rüdiger Grube mit Frau Blohm Tee getrunken hatte, sollte er sie am nächsten Tag zur Einweihung einer Rehaklinik begleiten. "Sie hat mich dann gefragt, was ich mal machen wollte, und ich habe ihr gesagt, dass ich gerne Pilot geworden wäre, dass das aber mit meinem Schulabschluss nicht ginge und dass ich kein Geld für die Fachhochschule hätte, das aber schon irgendwie hinkriegen würde." Am nächsten Tag rief Werner Blohm wieder in der Lehrwerkstatt an: "Bitte, Grube zu mir."

Der Rest klingt wie ein Märchen. Die Familie Blohm gab Grube ein Stipendium von 300 Mark monatlich, Grube verkürzte seine Lehre und studierte Flugzeugbau - "Die ersten drei Semester waren furchtbar; was mir in Mathematik fehlte, musste ich mir mit dem Rechenduden selbst beibringen!" - und machte ein sehr gutes Diplom. Anschließend schrieb er sich dank eines weiteren Stipendiums an der Hamburger Universität für Wirtschaftspädagogik ein ...

So ein Märchen hat natürlich auch ein besonders schönes Ende. Neulich, sagt Rüdiger Grube, sei er bei Blohms in Blankenese gewesen, um sie mal wieder zu besuchen. "Ich habe auf demselben Sofa gesessen und gesagt, dass ich nun selbst eine Stiftung gründen wolle, die solchen Hauptschülern, wie ich damals einer war, unter die Arme greifen werde." Man muss gar nicht fragen, ob Blohms sich gefreut haben.

Rüdiger Grube ist regelmäßig in seiner Vaterstadt, schon deshalb, weil sein Bruder hier lebt. Grube ist stolz darauf, dass man von Berlin mit dem ICE gut hinkommt - "287 Kilometer empfindet man nicht mehr wie 287 Kilometer" -, aber er weiß natürlich auch, dass man abends nicht mehr zurückkommt. Jedenfalls nicht, wenn man in der Staatsoper oder im Thalia-Theater war. "Wir denken darüber nach", sagt Grube und lässt damit offen, ob irgendwann Besserung eintreten wird.

Bei der Gelegenheit: Was ist aus seiner Sicht der größte Unterschied zwischen den beiden Metropolen? "Berlin ist unruhiger, unkonventioneller, Hamburg ist gewachsen. Die Stadt ist in den letzten 20 Jahren aber auch viel moderner und, wie ich finde, viel zeitgemäßer geworden. Also, wenn einer mal einen richtig schönen Tag verbringen will, dann rate ich ihm, nach Hamburg zu fahren."

Natürlich mit der Bahn. Fährt Rüdiger Grube denn auch selber kräftig Bahn? Diese Frage hat der Bahnchef erwartet. "Alles, was ich mit der Bahn machen kann, mache ich mit der Bahn", sagt er, aber alles sei das eben nicht, "sonst schaffe ich meinen Terminkalender gar nicht." Zum Beweis für diese Unmöglichkeit klappt Grube seinen Terminkalender schnell mal auf. Tatsächlich: keine Lücke, nirgends. Davon abgesehen, sagt Grube, wolle er auch kein Heuchler sein: "Ich komme aus der Autoindustrie, habe in der Luftfahrtindustrie viele Jahre verbracht und bin überzeugt davon, dass in der intelligenten Vernetzung der unterschiedlichen Verkehrsmittel die Zukunft liegt."

Draußen geht jetzt die Sonne auf. Unten links fährt ein ICE in den Hauptbahnhof ein. Wenn man im Büro des Bahnchefs steht, sieht er aus wie eine Spielzeugeisenbahn.