Hartz IV: Verfassungsgericht entscheidet heute

Wenn schon eine Tasse Kaffee zum Luxus wird

Foto: Marcelo Hernandez

Einblicke ins Leben von Hartz-IV-Empfängern: Regine Bittner hat 443 Euro für ihre Kinder. Die Arbeitslose geht häufig zur Hamburger Tafel.

Hamburg. Der Pullover soll 4,99 Euro kosten. Was für die meisten ein Schnäppchen ist, ist für Regine Bittner unbezahlbar, erst recht am Monatsende. Ihre Tochter Odette hält sich den Pullover vor den Bauch. Er würde ihr passen. Größe XL, da könnte sie noch hineinwachsen und so länger etwas von dem Pulli haben. Aber ihre Mutter hat genau noch fünf Euro im Portemonnaie und kein Geld auf dem Konto. Die fünf Euro müssen für die nächsten drei Tage reichen. Erst dann rechnet Regine Bittner mit dem Geld auf ihrem Konto. Die alleinerziehende Mutter lebt mit ihren Kindern Domenic (9) und Odette (10) von Hartz IV.

Was braucht ein Mensch zum Leben?

"Eine Tasse Kaffee ist für mich Luxus", sagt Regine Bittner, die Einzelhandels- und Bürokauffrau gelernt hat, aber seit zwölf Jahren arbeitslos ist. Sie geht häufig zur Hamburger Tafel, damit die Kinder wenigstens hin und wieder frisches Obst und Gemüse bekommen. Zum Monatsende sind es dann fast täglich Spaghetti mit Tomatensoße, weil das am billigsten ist. Die Kleidung kommt aus dem Second Hand Laden oder der Kleiderkammer. 30 bis 40 Euro für eine neue Kinderjeans sind zu viel. "Abend für Abend sitze ich da und rechne und schichte um", sagt Frau Bittner. "Aber das Geld reicht kaum." Sie ist gut im Kopfrechnen, sagt sie, weil sie jeden Tag nichts anderes macht.

Leben Regine, Domenic und Odette Bittner unter menschenunwürdigen Bedingungen? Darüber urteilt heute das Bundesverfassungsgericht (s. unten) Was braucht der Mensch zum Leben? Was kosten Kinder in Deutschland, in Hamburg? In einer Stadt, die irgendwie gespalten ist. Getrennt in Arm und Reich. Das Abendblatt hat Regine Bittner aus Harburg gebeten, aufzuschreiben, was sie im Monat für Domenic und Odette ausgibt. Kommt sie mit dem Geld aus? Und was braucht im Vergleich dazu eine Familie zum Leben, in der die Eltern berufstätig sind. Tanja Sorge aus Sasel arbeitet 30 Stunden die Woche als Altenpflegerin, ihr Lebensgefährte als Produkt- und Projektmanager bei der Lufthansa. Sie haben die Kinder Henning (13) und Ina (11).

Hartz-IV-Empfängerin Regine Bittner erhält 935 Euro im Monat plus Kindergeld und Unterhalt für Domenic (dieses wird mit dem Hartz IV Regelsatz für Kinder gegengerechnet), macht etwa 1535 Euro im Monat. Davon gehen 572 Euro für die Miete ab, 90 Euro für Strom, 25 Euro zahlt sie zur Schuldentilgung. Sie selbst braucht etwa 330 Euro im Monat für Lebensmittel, Medikamente, Kleidung und sonstiges, wie zum Beispiel für die Reparatur ihres Bügeleisens. Einen Festnetzanschluss hat Frau Bittner nicht. Sie hat lediglich eine Pre-Paid-Handykarte, damit sie wenigstens erreichbar ist.

Frau Bittner hat ausgerechnet, wie viel sie im Monat nur für ihre Kinder ausgibt: 443 Euro kosten Odette und Domenic. Am Ende des Monats ist das Geld weg, Frau Bittner kann nicht exakt nachweisen, wo der Rest des Geldes hinfließt. Das Geld, das ihre Kinder benötigen, gibt Frau Bittner aus für Lebensmittel, Hygieneartikel, Schulbedarf, neue Unterwäsche und Socken, Geburtstagsgeschenke und Ausflüge, Fahrkarten für den Nahverkehr. Geld für Extras wie zwei neue Lattenroste für die Kinderbetten, Matratzen, neue Schulranzen und eine Geburtstagsparty - beide Kinder haben im Januar Geburtstag - hat sie in diesem Monat nicht übrig. "Mein Sohn hat ein paar kleine Spielzeugautos bekommen, meine Tochter kleine Tierfiguren. Mit anderen Kindern gefeiert haben wir nicht, das wäre zu teuer gewesen."

Ein Ausflug zu Hagenbeck ist nicht drin, obwohl es das ist, was Domenic sich am meisten wünscht. "Der Staat müsste uns mehr zahlen. Es ist einfach schade, dass ich meinen Kindern nichts bieten kann und sie in der Schule deshalb auch ausgegrenzt werden", sagt sie. "Sie tragen andere Kleidung, das fällt Kindern sofort auf." Wenigstens sind sie sauber, sagt Regine Bittner. Darauf achte sie sehr. Theater- und Kinobesuche, mal auswärts essen gehen - das ist für die Alleinerziehende kaum möglich.

27 Kilometer weiter nördlich lebt Familie Sorge im eigenen Reihenhaus in Sasel. Tanja Sorge muss zwar nicht auf jeden Cent achten, dennoch nutzt sie, wenn sie sich zum Beispiel etwas zum Anziehen kauft, Reduzierungen. 1400 netto verdient die 43-Jährige als Altenpflegerin, ihr Lebensgefährte Andreas Döhring (54) bringt 4000 Euro netto nach Hause. Ihre groben Ausgaben: 1500 Euro müssen sie jeden Monat für ihr Haus abbezahlen. Für Heizung, Strom, Telefon, GEZ-Gebühren, Müllabfuhr, Wasser und Feuerkasse gehen 402 Euro weg, für Lebensversicherungen zahlt das Paar 250 Euro im Monat. Ein Auto haben die Sorges nicht, sie fahren viel mit dem Fahrrad. Und die Kinder? Ina geht zur Musikschule und spielt Tennis (macht 78 Euro im Monat), Henning bekommt Nachhilfe (40 Euro), eine Zusatzversicherung für seine Brille kostet 10 Euro im Monat. Außerdem ist Henning in der Jugendfeuerwehr und im Schulverein aktiv (15 Euro). 108 Euro kosten für beide Kinder Krankenversicherung und Unfallversicherung. Ihre HVV-Fahrkarten kosten für beide Kinder zusammen 80 Euro.

Während Dominic und Odette kein Taschengeld bekommen, gibt Tanja Sorge Henning 16 Euro im Monat und seiner Schwester 12 Euro, 25 Euro werden für neue Kinderbücher ausgegeben. Lebensmittel, hat Frau Sorge ausgerechnet, kosten pro Kind etwa 150 Euro. "Ich kaufe im Supermarkt, im Discounter, aber auch gern Obst und Gemüse auf dem Wochenmarkt", sagt Frau Sorge. Im vergangenen Monat waren die Kinder im Zirkus (50 Euro). Weitere 80 Euro gibt Familie Sorge für Friseurbesuche der Kinder, für Kleidung und andere Extras aus. Hinzu kommt eine Klassenfahrt pro Kind im Jahr und Urlaubsreisen: macht umgerechnet pro Monat und Kind 120 Euro. Ina und Henning (ohne Miet-, Wasser- und Stromanteil) kosten etwa 1054 Euro jeden Monat. Das ist mehr als doppelt so viel wie Regine Bittner für ihre Kinder ausgibt - ausgeben kann.

Tanja Sorge ist froh, dass sie nicht auf jeden Cent achten muss. "Wenn ich in Kauflaune bin, kaufe ich ein und freue mich." Das kann Regine Bittner nicht. Beim Gang durch das Einkaufszentrum Arcaden in Harburg muss sie ihren Kindern stets sagen: "Nein, das kann ich leider nicht kaufen." Zu Weihnachten gab es für Odette neue Haargummis.

Aber auch Tanja Sorge kommt aus einer Familie, in der das Geld knapp war. "Ich weiß, dass es Henning und Ina an nichts fehlt. Zu den Geburtstagen fällt es auf, wenn sie sich auf Krampf etwas wünschen. Sie erleben aber auch, dass nicht alles gekauft werden kann" Und dann sagt sie: "Sie leben nicht im Überfluss, aber es geht ihnen doch sehr gut." Sie findet, dass der Hartz-IV-Satz für Kinder zu gering ist. Geld für die Ausbildung zurücklegen, so wie sie das mache, sei für Hartz-IV-Familien gar nicht möglich.

Geschweige denn, zu Hagenbeck zu gehen. Oder einen neuen Schulranzen zu kaufen. Regine Bittner will arbeiten, sagt sie. In Bottrop könnte sie einen Job haben, auf 400-Euro-Basis. Sie hofft nun, dass das Amt die Umzugskosten übernimmt.