7200 deutsche Soldaten am Hindukusch

Soldaten im Einsatz: Christstollen am Hindukusch

Lebensgefährliche Patrouillen, am Festtage fern von der Familie - für die Soldaten der Bundeswehr eine große seelische Belastung.

Hamburg. Es ist die erste weiße Weihnacht seit Jahren. Und wenn es dunkel wird am Heiligen Abend, wenn zwischen Flensburg und Rosenheim Glöckchen die Kinder zur Bescherung rufen und allenthalben festliche Musik erklingt, dann werden die weihnachtlichen Gedanken wohl so manchem harten Kerl und mancher gestandenen Frau die Tränen in die Augen treiben. Oft wird die Sehnsucht nach den Lieben kaum zu ertragen sein - Tausende Kilometer vom heimischen Tannenbaum entfernt. Mehr als 7200 Soldaten der Bundeswehr sind dieser Tage im Auslandseinsatz, versehen in rund zehn Missionen zwischen dem Baltikum und Afghanistan ihren oft lebensgefährlichen Dienst.

Es war ein schweres Jahr für unsere Truppe. Eines, dessen Konsequenzen noch gar nicht absehbar sind. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg hat mit dem Oberst Georg Klein ein deutscher Offizier einen Luftangriff befohlen, der Dutzende Menschen das Leben kostete. Die Deutschen begreifen plötzlich, dass sie sich im Krieg befinden.

In dem nun also Weihnachten stattfinden soll. Am Horn von Afrika, wo die Fregatte "Bremen" zur Piratenabwehr patrouilliert, schenkt der Smut alkoholfreien Glühwein für die Besatzung aus. "Wenigstens wird er nicht so schnell kalt hier", knurren die Soldaten angesichts der vom Himmel brennenden Sonne. Die engen Gänge des Kriegsschiffes sind weihnachtlich geschmückt, soweit es die strenge Brandschutzverordnung zulässt. Doch es bedarf viel Fantasie, um sich bei 30 Grad weihnachtlich zu fühlen. In Afghanistan - an den deutschen Standorten Kundus, Masar-i-Scharif und Feysabad - muss man wohl von einer Kriegsweihnacht sprechen. Es bleibt lebensgefährlich, denn den radikalislamischen Taliban ist nicht weihnachtlich zumute.

Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, Oberst Ulrich Kirsch, sagte zum Abendblatt: "Ich weiß ganz sicher, dass unsere Frauen und Männer mit ihren Gedanken an Weihnachten zu Hause sein werden. Die aktuelle Situation speziell in Kundus und Umgebung wird jedoch zwangsläufig dazu führen, dass die Aufträge über Weihnachten professionell weiter ausgeführt werden."

Kirsch betonte: "Was zu großem Kopfschütteln und zu Unverständnis geführt hat, ist die Debatte kurz vor Weihnachten im Parlament. Diese Debatte hat nicht dazu geführt, Rechts- und Verhaltenssicherheit bei der Truppe zu gewährleisten; das Parlament hat hier ein schwerwiegendes Versäumnis begangen. Ich gehe auch davon aus, dass viele Soldatinnen und Soldaten in Gedanken bei Oberst Klein sind. Was die Lage in Kundus angeht, ist er zu einer Symbolfigur geworden. Und es werden sicherlich viele in Gedanken auch die Frage stellen, wie mit ihm weiter umgegangen wird."

Wie Kirsch sagte, hat der Deutsche Bundeswehrverband allen Soldaten im Einsatz einen Schokoladenweihnachtsmann geschickt - insgesamt mehr als 7000 Stück. Nur der Marine "haben wir Gebäck zukommen lassen - weil die Weihnachtsmänner sonst den Äquator nicht überlebt hätten". Ulrich Kirsch weiß: "Jeder, der irgendwo da draußen sitzt, bekommt Weihnachten ein weiches Herz."

Natürlich gibt es in Kundus Weihnachtsbäume - und zwar "ganz viele, denn im Prinzip hat jede Einheit ihren eigenen Baum, aus Deutschland eingeflogen und sehr hübsch geschmückt", wie Oberstleutnant Jürgen Mertins dem Abendblatt telefonisch aus dem Feldlager in Nordafghanistan sagte. "Die Kompanien haben alle eine kleine Weihnachtsfeier vorbereitet. Alles ist sehr liebevoll hergerichtet. Heiligabend wird es Gänsekeule mit Klößen geben." Der Oberstleutnant räumt jedoch ein, dass "die Zeit insgesamt nicht so leicht" sei. Täglich seien Soldaten draußen in Gefahr, in Gefechte verwickelt. Doch: "Wenn die Gefahr größer wird, dann rückt man enger zusammen. Die Kameradschaft wird besser, man fängt sich gegenseitig auf. Aber bei denen, die in den letzten Tagen draußen waren, muss das Weihnachtsgefühl relativ schnell kommen."

Um dieses Gefühl zu befördern, hat die sächsische Regierung per Feldpost Christstollen anliefern lassen. Die Lieben daheim haben tonnenweise Pakete geschickt, viele haben bei Radio Andernach auch eine Grußbotschaft aufgesprochen, die nun gesendet oder den Soldaten auf CD zugesandt wird. Auf der Internet-Seite www.angriff-auf-die-seele.de/media kann jeder Bürger liebe Grüße für die Soldaten laden. Ein Angriff auf die Seele wird Weihnachten für viele Soldaten im Einsatz dennoch werden.

Der Befehlshaber des Einsatzführungskommandos in Potsdam, Generalleutnant Rainer Glatz, sagte dem Abendblatt: "Aus eigener Erfahrung zu dieser Jahreszeit weiß ich, dass die bevorstehenden Feiertage im Einsatz eine ganz besondere Zeit darstellen. Hier gehen die Gedanken zurück in die Heimat zu den Lieben, zu Ehepartnerinnen und Ehepartnern, Lebenspartnerinnen und Lebenspartnern, zu Kindern, Freunden und Verwandten." Vorgesetzte und Kameraden würden die Besonderheit dieser Einsatzsituation genauso empfinden und miterleben. "Sie geben ihnen Rückhalt und ersetzen ein wenig das, was sie in dieser Situation entbehren müssen."