Kommentar: Lage der SPD

Auf dem Weg zur Allerweltspartei

Eine Startrampe in bessere Zeiten und für einen rot-grünen Erfolg bei der Bundestagswahl sollte die Europawahl für die SPD werden. Jetzt sieht es - um im Bilde zu bleiben - eher nach der Anlaufspur einer Sprungschanze aus.

Wobei ungewiss ist, ob für die Sozialdemokraten am unteren Ende auch tatsächlich ein Schanzentisch wartet, und wenn ja, ob sie den Absprung wenigstens halbwegs treffen.

Ja, die miserable Wahlbeteiligung mag der SPD besonders geschadet haben, ja, in der Krise haben es alle schwer, ja, eine Große Koalition erleichtert die Profilierung nicht gerade. Erschütternd ist aber vor allem die Rat- und Alternativlosigkeit, mit der sich die traditionsreichste deutsche Partei an die 20-Prozent-Marke herangearbeitet hat. Seit Willy Brandts Abgang vor 22 Jahren wurden zehn Vorsitzende verschlissen. Während des Einigungsprozesses verspielte die Partei viele Chancen im Osten, weil dort hauptsächlich Oskar Lafontaines Genörgel vernommen wurde, das sei alles viel zu teuer. Die von Gerhard Schröder par ordre du mufti durchgepaukten Reformen demoralisierten weite Teile der Basis und entfremdeten viele Stammwähler.

Eine Personaldebatte kann sich die Partei nun 110 Tage vor der Bundestagswahl nicht leisten. Schon deshalb nicht, weil hinter dem Duo Müntefering/Steinmeier gar kein Personal ist, das Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur ernsthaft übernehmen könnte. An diesen beiden liegt es also nun, in der verbleibenden Zeit Führungsstärke nach innen und Ideenreichtum nach außen zu demonstrieren.

Gelingt das nicht, können sie allenfalls noch auf die Fehler und Schwächen der anderen hoffen. Das erscheint angesichts einer ebenfalls schwächelnden Union und einer bisher zögerlichen Kanzlerin nicht einmal ganz aussichtslos - wäre allerdings ein weiterer Schritt von der Volks- zur Allerweltspartei.