CSU-Sonderparteitag in München

Horst Seehofer mit 90,34 Prozent zum neuen Parteivorsitzenden gewählt

Er werde schon in der nächsten Woche "missionarisch" in Bayern unterwegs sein, hat Horst Seehofer den 884 Delegierten des CSU-Sonderparteitags am Sonnabend in München zugerufen. Und "für die Integration aller Stämme" kämpfen!

München. Er werde schon in der nächsten Woche "missionarisch" in Bayern unterwegs sein, hat Horst Seehofer den 884 Delegierten des CSU-Sonderparteitags am Sonnabend in München zugerufen. Und "für die Integration aller Stämme" kämpfen!

Mit Verlaub, da wird der neue Parteivorsitzende einiges zu tun haben. Vor allem in Franken, wo man es "unchristlich" findet, wie in den vergangenen Wochen parteiintern mit dem glücklosen Ministerpräsidenten Günther Beckstein umgesprungen wurde. "Verletzte Seelen" gebe es da, hat der Erlanger Oberbürgermeister Siegfried Balleis dem "lieben Horst" ins Stammbuch geschrieben und dass der liebe Horst sehr gut daran täte, sich das Vertrauen der Franken zu erwerben, die Beckstein gewählt hätten.

Das waren ungewohnt unfreundliche Töne in einer Partei, die Kritik und Selbstkritik aus ihren Parteitagen in der Vergangenheit herausgehalten hat. Zur neuen Kiebigkeit gehörte auch, dass einige Delegierte die Gelegenheit nutzten, den Ehrenvorsitzenden Edmund Stoiber kräftig auszubuhen, als der vom Präsidium begrüßt wurde. Tja, die Harmonie und das Selbstvertrauen sind irgendwie hin seit jenem 28. September, an dem die CSU ihre absolute Mehrheit verlor, und seit dem sie sich gezwungen sieht, in einer Koalition mit der FDP kleinere Brötchen zu backen. Da kann Horst Seehofer noch so flott behaupten, man habe zwar mit den Liberalen Verhandlungen geführt, am Ende aber die Politik der CSU durchgesetzt. Dass das nicht stimmt, ja, gar nicht stimmen kann, hat ihm ein junger Abgeordneter aus dem Landkreis Roth erklärt. Nach dem Motto, die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften sei mit dem christlich-konservativen Werte-Kanon der CSU nicht vereinbar, und dass man also gut daran täte, die Wähler nicht vor den Kopf zu stoßen!

Keine Frage, die gute Laune ist in der CSU verpufft wie die Milliarden in der Landesband verpufft sind, von der auf diesem CSU-Parteitag natürlich auch die Rede gewesen ist. Vor allem in der Abschiedsrede des von Seehofer abgelösten Parteivorsitzenden Erwin Huber, der sich aus seiner sichtlichen Anspannung selbst mit einem Scherz erlöste: "Meine Mutter", berichtete Huber, "hätte es gern gesehen, wenn ich nach der Realschule eine Banklehre gemacht hätte." Seinerzeit, so der 62-Jährige lächelnd, sei er der Bank ausgewichen "und ich hätte es wohl besser auch wohl 2007 gemacht".

Huber hat in München um seine Reputation gekämpft. Man könne sich gelegentlich die Umstände nicht aussuchen, unter denen man die Verantwortung trage, hat er gemeint. Und dass es in der vergangenen Woche ein Leichtes gewesen wäre, "alles hinzuschmeißen" und einfach in Urlaub zu fahren.

Huber hat sogar die Größe gehabt, Horst Seehofer seiner Loyalität zu versichern. Was in München übrigens auch Günther Beckstein getan hat. ("Ich verspreche, dass ich auch ohne Amt und Funktion meinen Beitrag, meinen kleineren Beitrag leisten werde.") Huber und Beckstein haben im Plenum neben Seehofer gesessen. Sitzen müssen. Huber links, Beckstein rechts. Zwei schmale, sichtlich angeschlagene Männer neben einem strahlenden Riesen, der ihnen bei Gelegenheit gönnerhaft auf die Schultern klopfte und überhaupt so tat, als gebe es keine größeren Probleme. Dabei hing die Depression greifbar im Saal, dagegen half nicht die bayerisch himmelblaue Stirnwand in der Messehalle und auch nicht der himmelblaue Schlips des neuen Parteivorsitzenden. Und erst recht nicht Horst Seehofers routiniert glatte Rede.

Eine knappe Stunde hat Seehofer in München gesprochen, bevor sie ihn mit einer ordentlichen Mehrheit von 90,34 Prozent zu ihrem neuen Leitwolf wählten. Seehofer hat die Kraft und den Erneuerungswillen der Partei beschworen und gesagt, dass die anstehende Koalition mit der FDP "ein singuläres Ereignis" bleiben werde. Mitgerissen hat er niemanden. Aber das war angesichts Lage wohl auch nicht zu erwarten. Die einst so unbesiegbare CSU ist spätestens mit diesem Parteitag in der grauen Wirklichkeit angekommen.