Generationenvertrag in Gefahr

Renten. Die Menschen werden immer älter, bekommen immer weniger Kinder, haben immer kürzere Berufsphasen . . .

Berlin. Wenn eines in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland verlässlich war, dann war es das gesetzliche Rentensystem. Der Slogan "Die Rente ist sicher" wurde im Laufe der Jahre zum geflügelten Wort. Doch wer den Satz heute ernsthaft zitieren wollte, würde wohl ausgelacht. Der Glaube an die Zukunftsfähigkeit des Systems ist erschüttert. Inzwischen schätzen laut einer Umfrage des Deutschen Instituts für Altersvorsorge 84 Prozent der Menschen, dass man sich auf die gesetzliche Rente allein nicht mehr verlassen kann. Und die Verunsicherung wächst. Denn kaum ein Tag vergeht ohne neue Rentendebatte. Doch der Reformbedarf ist heftig umstritten. Keine Frage: Das Rentensystem steht unter Druck. Wo stecken die Kernprobleme?

Generationenvertrag

Das System der gesetzlichen Rentenversicherung basiert auf dem so genannten "Generationenvertrag". Kurz gesagt: Die Jungen finanzieren die Alten. Das funktioniert nach einem einfachen Prinzip - dem Umlageverfahren. Das heißt: Die erwerbstätigen Arbeiter und Angestellten zahlen in die Rentenkasse Beiträge ein. Das Geld wird keineswegs angespart, sondern sofort wieder an die Rentner ausgeschüttet. Die Beitragszahler erwerben aber für ihr Alter Rentenansprüche, die dann von der nächsten Generation der Erwerbstätigen eingelöst werden müssen.

Genau hier steckt ein Kernproblem: Dieses System funktioniert nur so lange reibungslos, wie genügend Junge nachwachsen. Konrad Adenauer setzte noch auf die Stabilität des Generationenvertrages, weil er glaubte: "Kinder kriegen die Leute sowieso." Zu Adenauers Zeit stimmte das, heute aber nicht mehr. Deshalb hat Deutschland ein demographisches Problem, das sich in den nächsten Jahrzehnten gravierend verschärfen wird: Immer weniger Junge werden künftig die Renten von immer mehr Älteren finanzieren müssen. 1995 kamen auf 100 Beitragszahler gut 40 Rentner, im Jahr 2030 werden es etwa 70 sein.

Rentenbezugszeit

Die Lebenserwartung in Deutschland nimmt erfreulicherweise zu. Deshalb beziehen ältere Menschen nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben länger Rente. 1960 betrug die durchschnittliche Rentenbezugszeit etwa zehn Jahre. Bereits 1996 waren es im Schnitt 15,9 Jahre. Da die Lebenserwartung weiter steigt, wird sich aller Voraussicht nach auch die Rentenbezugsdauer in den nächsten Jahrzehnten noch um einige Jahre erhöhen.

Renteneintrittsalter

Junge Menschen stecken heute meist länger als früher in Schule und Ausbildung. Sie treten später ins Erwerbsleben ein. Sie gehen heute aber auch früher als ihre Eltern und Großeltern in Rente. Das heißt: Die Berufsphase, in der sie Rentenbeiträge zahlen, wird kürzer. Derzeit gehen die Deutschen im Durchschnitt nicht mit 65 in Rente, sondern mit 60,2 Jahren. Der frühe Renteneintritt belastet die Rentenkasse jährlich mit hohen Milliardenbeträgen.

Rentenversicherungsbeitrag

Das Rentensystem finanziert sich vor allem aus Beiträgen, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer je zur Hälfte zahlen. Der derzeit gültige Beitragssatz von 19,1 Prozent ist fällig auf das monatliche Bruttoeinkommen bis zur so genannten Beitragsbemessungsgrenze von 4500 Euro (West) und 3730 Euro (Ost). Im kommenden Jahr soll der Beitrag auf 19,5 Prozent steigen und die Bemessungsgrenze angehoben werden auf 5100 Euro (West) und 4275 Euro (Ost). Gleichzeitig pumpt aber der Staat jährlich derzeit etwa 50 Milliarden Euro zusätzlich in das Rentensystem hinein.

Steigende Beitragssätze schmälern aber das Nettoeinkommen der Versicherten und verteuern zudem für die Wirtschaft die Arbeitskosten. Arbeit wird immer teurer. Das erschwert die Schaffung neuer Stellen. Deshalb ist es Ziel aller Parteien, die Lohnnebenkosten zu senken. Wie ergiebig bleibt dann aber auf Dauer das Rentensystem für die heute junge Generation? Muss das Rentensystem gar durch ein neues System ersetzt werden? Antworten darauf im nächsten Teil der Abendblatt-Serie.

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