Käßmann kontra Kusch im Streit um Sterbehilfe

Er gab es zu. Auf der Bank von "Hart aber fair", letzte Sendung vor der Sommerpause. Es war ein entlarvender Moment, und nicht der einzige an diesem Abend.

Hamburg. Auf die Frage von Moderator Frank Plasberg, ob er mit seiner Sterbehilfe für die im Prinzip gesunde Würzburgerin Bettina Schardt auf eine maximale Provokation abgezielt habe, räumte Hamburgs früherer Justizsenator Roger Kusch am Mittwoch in der ARD-Talksendung ein: "Soweit Sie die veröffentlichte Meinung und die Leute meinen, die schnell zu einem Mikrofon eilen, könnten Sie sogar die Analyse richtig getroffen haben mit der maximalen Provokation." Er fügte aber hinzu, die Menschen, die ihm "zu Hunderten" schrieben, interessiere nicht die Frage der Provokation, sondern "ihre eigene Selbstbestimmung am Lebensende".

Seine Mitdiskutantin jedenfalls, die evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann, sei für Bettina Schardt ein "Symbol" für die Fremdbestimmtheit gewesen, "die sie prinzipiell abgelehnt hat". Ein Symbol gar für das, was Frau Schardt sich unter einem Pflegeheim vorstellte. Schließlich, so erzählte Kusch spöttisch lächelnd, habe die alte Dame schon deshalb nicht in solch einer Einrichtung landen wollen, weil sie dort nicht mehr selbstständig "Gutmenschen wie Frau Käßmann, die anderen ihren Willen aufdrängen", mit der Fernbedienung ausschalten könne.

Unterkühlt wirkten diese Spötteleien über die nach eigenen Worten "abgrundtief traurige" Pastorin, die immer wieder dafür plädierte, dass Sterbende "Zeit, Zuwendung und Liebe" bräuchten - und keinen tödlichen Medikamentencocktail aus dem Hause Kusch. "Sollen wir alle, die nicht mehr leben wollen, die gebrechlich sind, demenzkrank, in einen schnellen Tod schicken?"

Kusch wich stets der Auskunft darüber aus, unter welchen Umständen er vielleicht davon abgesehen hätte, der Würzburgerin beim Sterben zu helfen. "Ich respektiere die Maßstäbe meiner Mitmenschen." Frau Käßmann erwecke hingegen den Eindruck, "als habe die christliche Religion ein Patentrezept für das Lebensende". Käßmann blieb äußerlich gelassen: "Ich bin so oft bei Sterbenden gewesen, ich werde mich mit diesen persönlichen Angriffen nicht auseinandersetzen."

Unterstützung bekam Käßmann von Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU), die nicht nur Kusch, sondern auch Uwe Christian Arnold, den Zweiten Vorsitzenden des Sterbehilfe-Vereins Dignitate, als "Quacksalber" bezeichnete, denen unbedingt das Handwerk gelegt werden müsse.

Wie schwer es für Angehörige ist, den geplanten Suizid eines Partners zu verkraften, davon berichtete in leisen Worten Edith Fux - die Witwe des Schauspielers Herbert Fux, der in der Schweiz in den Freitod ging. In einer Internet-Umfrage nach der Sendung sagten 51,4 Prozent aller Teilnehmer: Roger Kusch hat richtig gehandelt.

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