Politische Sprache: Neue Erkenntnisse der Gehirnforschung

Was Naumann und Obama sagen - und was Wähler hören

Unser Gehirn zerlegt politische Begriffe und Slogans allein - unbewusst. Eine Sprachforscherin erklärt Beispiele aus Hessen, Hamburg und den USA.

Warum klingen oft gehörte politische Schlüsselwörter vertraut, auch wenn wir sie kaum erklären könnten? Warum erkennen wir oft schon am Begriff, zu welchem "Lager" jemand gehört? Warum funktionieren manche Wahlkampf-Slogans und andere nicht? George Lakoff, Professor für kognitive Wissenschaften und Linguistik an der University of California, und die Hamburger Sprach- und Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Wehling haben in einem neuen Buch untersucht, wie wir politische Sprache verstehen.

Sie stützen sich dabei auf Erkenntnisse der Hirnforschung. Wenn wir das Wort "Steuererleichterungen" hören, verschaltet unser Gehirn Vorstellungen und Wertungen und "errechnet" daraus eine Bedeutung (Frame). Bei "Steuern" stellen wir uns Ausgaben vor, mit "Erleichterungen" verbinden wir die Befreiung von einer Last. "Das Wort weckt einen konservativen Frame, in dem ,Steuern' negativ besetzt ist", sagt Elisabeth Wehling: Nach konservativem Verständnis sind "möglichst wenig Steuern = gut". Dieser Frame wird immer wieder aktiviert, wenn wir "Steuererleichterungen" hören - inklusive der negativen Wertung.

Neu ist bei dieser neurolinguistischen Erkenntnis, dass die Verschaltungen im Gehirn völlig unbewusst geschehen. Und je häufiger ein Begriff durch die Debatte schwirrt, desto stärker werden die Schaltstellen. Das heißt: Politikbegriffe können im Gehirn körperliche Veränderungen bewirken - Denkstrukturen werden buchstäblich "verfestigt". Wer also glaubt, wir würden politische Sprache vernunft- und willensgesteuert verstehen, irrt: Wir sind manipulierbar.

Auch für das "Erkennen" konservativer oder progressiver Inhalte haben Lakoff und Wehling eine neue Lesart. Demnach folgen konservative Werte einem "Strenger-Vater"-Konzept, progressive einem "Fürsorgliche-Eltern"-Konzept. Beide lernen wir schon früh in der Familie. Unschwer zu erraten, dass der politische "strenge Vater" Leistungen fordert und Führung betont, während die "fürsorglichen Eltern" Schutzräume schaffen und Mitgefühl wecken. Viele Frames ordnen wir - auch unbewusst - einem der beiden Systeme zu. Sie sind für uns eine Art politischer Kompass.

Wahlkämpfe sind Hoch-Zeiten für politische Slogans, Frames und Werte-Kämpfe. Im Gespräch mit Elisabeth Wehling geht es um aktuelle Beispiele in Hessen, Hamburg und im US-Vorwahlkampf. Was steckt hinter den Reden? Welche Werte werden angesprochen - oder vernachlässigt?


Abendblatt:

George W. Bush ist ein Verfechter der "Strenger-Vater"-Moral. Ist das an der Sprache erkennbar?

Elisabeth Wehling:

Sein Kernsatz ist: "I am the decider", ich bin der Entscheider. Das zieht sich durch seine gesamte Amtszeit: Er weiß, was für alle richtig ist, was getan werden muss. Und wenn er oft von der "Freiheit in Amerika" spricht, meint er: Jeder Amerikaner soll Verantwortung für sich selbst übernehmen, man soll ihn möglichst nicht durch Sozialprogramme oder staatliche Reglementierung einschränken. Der Bürger soll Stärke in der Wettbewerbsgesellschaft entwickeln.



Abendblatt:

Der Präsident verlangt also, dass die Bürger quasi wie Kinder erwachsen werden sollen.

Wehling:

Richtig. Auch im Sinne fürsorglicher Politik sollen Bürger "erwachsen" werden, allerdings, indem sie auch Verantwortung für andere übernehmen lernen und Kooperation entwickeln.



Abendblatt:

Wie drücken die Demokraten die Fürsorge-Moral aus?

Wehling:

Sehr schlecht. Es gelingt ihnen selten, Ideen und Werte in der Sprache eindrücklich zu transportieren. Al Gore hat zwar Erfolg mit seiner Klimaschutz-Kampagne, er klärt über Themenfelder auf. Aber er bindet sie zu wenig in einen Werte-Zusammenhang ein. Er könnte sagen: Wir Amerikaner fühlen uns verantwortlich für die Zukunft unserer Kinder.



Abendblatt:

Welches Familien-Wertekonzept verfolgt denn Angela Merkel? Das der "sachlich-ausgleichenden Tante"?

Wehling:

Parteien wie CDU und CSU sind immer schon fürsorglicher und sozialer gewesen als die US-Republikaner. Angela Merkel hat sicher Positionen, die sich deutlich von der SPD unterscheiden, aber sie spaltet nicht. Sie spricht von "die Mitte" und meint: Wir wollen Politik für jeden machen, wir sind nicht extrem. Aber auch sie spricht häufiger über Sachfragen als über Werte.



Abendblatt:

Geht es denn in der Politik nicht um Sachfragen?

Wehling:

Mit Sachpunkten allein identifizieren sich die Leute nicht. Sie reagieren vor allem darauf, wie ein Politiker diese Fakten bewertet. Es ist ein Unterschied, ob ich von "Ausländerpolitik" und Zahlen spreche oder ob ich sage: "Das Boot ist voll." Dieser konservative Frame war klar und einprägsam.



Abendblatt:

Roland Koch hat in seinem Wahlkampf den strengen, strafenden Landesvater gegeben, aber das hat ihn Stimmen gekostet. Was hat er falsch gemacht?

Wehling:

Ich glaube, viele Wähler haben den Frame Ausländerkriminalität anders eingeordnet als er. In Deutschland wird seit Langem diskutiert, dass Kriminalität mit Schul-, Sozial- und Einwandererpolitik zusammenhängt. Diese Faktoren werden verknüpft gedacht. Eine Hau-drauf-Kampagne traf für viele nicht die Situation.



Abendblatt:

Hat Koch also einen zu engen Frame angetickt?

Wehling:

Einen zu engen und zu extremen.



Abendblatt:

Amerika sehnt sich nach "Change". Welchen Frame aktiviert dieses Wort? Was drückt es aus?

Wehling:

Eine Gefühlslage. Die Amerikaner fühlen sich von der Politik überrollt, ausgenommen, ermüdet. "Change" zielt nicht auf Veränderung in einzelnen Politikfeldern, sondern auf ein neues Denken "über uns und unser Land". Obama hat damit eine Dach-Idee geprägt, die nicht nur gegen Bush steht, sondern gegen eine ganze Politik-Tradition: Auf Vater Bush folgte Bill Clinton, dann Sohn Bush, und wenn jetzt Hillary Clinton Präsidentin werden würde, würden die USA 24 Jahre lang von nur zwei Familien regiert. Das gefällt vielen Wählern nicht.



Abendblatt:

Ist Hillary Clinton nicht "fürsorglich" genug?

Wehling:

Sie will für Fakten, Rationalität, Expertentum und Toughness stehen. Ihr Slogan "Hillary Clinton - Solutions for America" (Lösungen für Amerika) spricht einen alten Frame an: Politik ist ein Geschäft, in dem man tüchtige Experten braucht. Nicht "wir gemeinsam", sondern sie nimmt die Sache "für Amerika" in die Hand. Davon fühlen sich viele Wähler nicht einbezogen.



Abendblatt:

Obama sagt, er habe "keine umfragegetesteten Statements und kalkulierten Antworten". Was hat er dann - Poesie?

Wehling:

Er greift wenig an. In seinen Reden findet man ständig "wir" und "ihr", sein Schlagwort ist "Yes we can!" Dieser Frame bedeutet: Wir haben gemeinsame Ziele, wir können kooperieren und Differenzen überwinden, wir schaffen das. Das ist ein starkes progressives Werteverständnis.



Abendblatt:

Welche Werte hat Michael Naumann im Hamburger Wahlkampf angesprochen?

Wehling:

Naumann hat sich gerade zum Schluss als Angreifer gezeigt. Er hat Fehler kritisiert und sich zur Linken, zum Senat und zu von Beust abgegrenzt. Dabei geriet in den Hintergrund, was ihm diese Stadt bedeutet, was er unter "wir" versteht, wo er mit den Hamburgern hin will.



Abendblatt:

Hat Ole von Beust im Wahlkampf "nur gelächelt"?

Wehling:

Von Beust griff nicht an, er stellte sich dar als jemand, der mit den Hamburgern in engem Kontakt steht. Seine Plakate "Dein Bürgermeister" bestärkten das Wir-Gefühl. Er vermittelte aber auch: Alles soll weiterlaufen wie bisher. Um Wähler, die mit einigen Politikfeldern unzufrieden sind, wurde gar nicht mehr geworben.



George Lakoff, Elisabeth Wehling: Auf leisen Sohlen ins Gehirn - Politische Sprache und ihre heimliche Macht. Carl Auer, 192 S., 17,95 Euro.

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