Hamburg. Nach einer ersten Analyse des Polizeieinsatzes beim G-8-Gipfel vor gut zwei Wochen in Heiligendamm warnt die Gewerkschaft der Polizei (GdP) vor einer völlig neuen Bedrohung durch die autonome Szene. Nie zuvor seien die Autonomen so hoch organisiert, professionell ausgerüstet, international vernetzt und gewalttätig gewesen. Damit hatte die Polizei in diesem Ausmaß nicht gerechnet. "Das sind keine Polit-Hooligans mehr. Da steckt viel mehr dahinter", sagte GdP-Chef Konrad Freiberg dem Abendblatt. Diese kriminelle Vereinigung habe kein Veranstalter im Griff.
Die nächste Ausschreitung nach diesem Muster könnte bevorstehen: Am 7. Juli plant die rechtsextremistische NPD eine Großdemonstration in Frankfurt/Main, zu der Autonome als Gegendemonstranten erwartet werden. Die GdP befürchtet neue Straßenschlachten.
Eine Sitzung am Einsatz beteiligter Bereitschaftspolizisten und einiger Führungkräfte brachte erschreckende Einzelheiten des G-8-Einsatzes zutage - vor allem über die Großdemonstration zu Beginn des Gipfels am 2. Juni in Rostock, die in einer Straßenschlacht endete. "In Rostock hatte sich der größte Schwarze Block seit Langem versammelt", berichtete der erfahrene Beamte Bernhard Schmidt. "Die Autonomen wurden taktisch geführt, sie waren trainiert, sie hatten feste Aufgaben und Rollen: Zuarbeiter, Agierende und Decker. Sie haben Maskierung und Demaskierung gezielt eingesetzt, Helfer hielten hinter Häuserecken und Müllcontainern Kleidung bereit: schwarz rein, bunt raus."
Die GdP veröffentlichte diese Erfahrungen gestern auf ihrer Internetseite. Fahrradschläuche, so berichtet dort ein weiterer Kollege, seien mit Sand gefüllt und als Katapulte für den Beschuss der Polizisten mit Billardkugeln benutzt worden. Knochenbrüche, Bänderrisse, Prellungen und Schnittverletzungen bei den mit voller Schutzausrüstung ausgestatteten Polizisten waren die Folge. Laut Jörg Radek aus dem GdP-Bundesvorstand kursierten unter den Autonomen Infoblätter "mit Hinweisen, an welchen Körperstellen die Einsatzkräfte trotz ihrer Schutzausstattung verletzbar sind". Er sieht dahinter "gezielte Tötungsabsichten".
Ein Kollege erzählt, dass die Polizei-Anzüge plötzlich nach Benzin rochen: "Irgendjemand hatte uns damit bespritzt. Unweit flogen Molotow-Cocktails. Gott sei Dank kamen wir damit nicht in Berührung. Aber uns war klar: Die wollten uns brennen sehen." Als sich bei einigen Polizisten die Schuhe auflösten, stellten sie nach den Berichten fest, dass sie in Säure getreten waren.
In den drei Camps, in denen die etwa 20 000 überwiegend friedlichen Globalisierungsgegner wohnten, versuchten die Autonomen nach Freibergs Erkenntnissen das Kommando mit zu übernehmen. Einsatzkräfte beobachteten, wie sich in einem Camp Autonome ihren Bezirk mit Nachtsichtgeräten und Bewegungsmeldern absicherten. Es habe nach Benzin gerochen. Ungehindert habe ein Händler Fahrradschläuche in ein Camp liefern können.
Letztlich gelang es den Globalisierungsgegnern nach den heftigen Ausschreitungen von Rostock mit etwa 2000 Autonomen aber, deren Einfluss in den Camps zurückzudrängen. Nach Augenzeugenberichten wurden schwarz Vermummte mit Einkaufswagen voller Pflastersteine an den Eingängen der Camps zurückgewiesen. "Es ist wichtig auch festzustellen, dass es viele Tausende Demonstranten gab, die friedlich protestieren wollten", sagt Freiberg. "Aufgabe der Polizei ist es, das zu gewährleisten."
Die Gewerkschaft forderte jetzt eine intensive Aufarbeitung der Vorgänge. Künftig müsse es stärkere Vorkontrollen geben, eine starke Polizeipräsenz und einen besseren internationalen Austausch über die Erkenntnisse der autonomen Szene.
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