Ausbeutung: Gewerkschafter klagen Berliner Firmen wegen Lohndumping an

Hungerlöhne für Putzdienst im Bundestag?

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Barbara Möller

Im Parlament würden Menschen für 5,50 Euro oder sogar weniger schuften, sagt die IG Bau. Die Verwaltung des Hauses will das prüfen.

Berlin. Gibt es Lohndumping im Deutschen Bundestag? Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt sagt: Ja. Eine Berliner Gebäudereinigungsfirma beschäftige Mitarbeiter "zu 5,50 Euro pro Stunde und darunter". Tatsächlich liegt der gesetzliche Mindestlohn für Gebäudereiniger, der dem Tariflohn entspricht, bei 7,87 Euro. Die niedrigeren Löhne werden damit begründet, dass die Putzkräfte zu langsam seien und die vorgesehene Fläche bei der Reinigung nicht geschafft hätten.

Die IG Bau hat am Freitag in Berlin Ross und Reiter genannt und zum Beweis zwei Arbeitsverträge der Berliner B + K Dienstleistung GmbH mit den dazugehörigen Monatsabrechnungen vorgelegt. Frank Wynands, der im IG-Bau-Vorstand für die Gebäudereiniger zuständig ist, nannte es "peinlich, dass es im wichtigsten Haus Deutschlands passiert". Seine Gewerkschaft werde dem "Skandal" nicht länger zusehen. Wynands räumte ein, dass die Missstände seiner Gewerkschaft bereits seit Langem bekannt sind: "Wir haben entweder gar nichts oder zu wenig gemacht." Jeder zweite Gebäudereiniger, so seine Schätzung, werde um seinen rechtlich verbrieften Lohn betrogen.

In der Branche haben 16 000 Betriebe 850 000 Arbeitnehmer, von denen nur fünf Prozent gewerkschaftlich organisiert sind. Den Grund ist Angst. Die, so Wynands, treibe auch die Kollegen um, die sich jetzt an die IG Bau gewandt hätten. "Angst, in Berlin nie wieder Arbeit zu finden."

Im Unternehmen der Familie Benthin, das die IG Bau nun öffentlich an den Pranger gestellt hat, verlegte man sich gestern aufs Schweigen. Wer dort anrief, wurde von einer Dame mit der erstaunlichen Bemerkung abgefertigt, man schieße hier nicht aus der Hüfte! "Wir würden uns gern ein Bild machen und uns nächste Woche dazu äußern." Nur zu dieser Auskunft sei sie vom Chef Jörg Benthin und seinen Söhnen Thorsten und Timo "autorisiert".

In ihrem Internet-Auftritt fordern die drei Benthins ihre potenziellen Kunden auf: "Fragen Sie uns nach unserem sozialen Engagement. Wir nehmen unsere soziale Verantwortung ernst." Und weiter: "Wir wissen Engagement zu schätzen. Darum schätzen wir auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter."

Die Bundestagsverwaltung hat Dienstleistungsverträge mit fünf Gebäudereinigungsunternehmen abgeschlossen. Die B + K Dienstleistung GmbH ist nur eins davon. Von den angeblichen Praktiken bei B + K habe man nichts gewusst, sagte ein Bundestagssprecher am Freitag. Die B + K Dienstleistung GmbH habe sich bei Vertragsabschluss vielmehr ausdrücklich verpflichtet, Tariflohn zu zahlen. Davon abgesehen sei man sehr erstaunt darüber, dass die IG Bau zuerst zur Presse gegangen sei. "Wenn man den Leuten helfen will, muss man uns die Unterlagen vorlegen."

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