Israels Oberrabbiner in Berlin - "Hitler hat verloren"

Berlin. Die wohltönende Stimme füllt den riesigen Raum mühelos. Melancholische und dennoch kraftvolle Klänge, gesungene Gebete, schwingen bis unter die gut zwölf Meter hohe Decke.

Rund 250 Juden haben sich in der Berliner Synagoge Joachimsthaler Straße 13 unweit des Kurfürstendamms versammelt. Das alte Logenhaus aus dem Jahre 1902 vibriert vor Energie. Kinder wuseln lärmend im Vorraum und müssen davon abgehalten werden, das Büfett zu plündern.

Die ganze Palette des wieder auflebenden deutschen Judentums ist vertreten - so stakst neben einigen Ultraorthodoxen mit Schläfenlocken eine atemberaubende junge Schönheit auf zehn Zentimeter hohen Stilettos vorbei.

Das ehrwürdige Haus erlebte gestern eine sensationelle Premiere. Zum ersten Mal sind auf Einladung des Zentralrats der Juden in Deutschland und der vor drei Jahren gegründeten Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) beide Oberrabbiner des Staates Israel offiziell nach Deutschland gekommen. Schlomo Amar vertritt die sephardischen, also orientalischstämmigen Juden, während Yona Metzger die aschkenasischen Juden führt, jene also, deren Vorfahren aus West- und Osteuropa nach Israel kamen.

Zu Ehren des am 30. April 2006 verstorbenen Zentralrats-Präsidenten Paul Spiegel wurden handschriftlich die letzten zwölf Buchstaben einer in Israel angefertigten kostbaren Thora-Rolle eingetragen. Spiegels Nachfolgerin Charlotte Knobloch war ebenso dabei wie Spiegels Witwe Gisele. Die Thora mit ihren 613 Geboten ist der wichtigste Teil der hebräischen Bibel und umfasst die fünf Bücher Mose, das Pentateuch.

Die ORD stellt 90 Prozent der Rabbiner in Deutschland. Ihr Vorsitzender ist Yitzhak Ehrenberg. Der deutsche Oberrabbiner ist mit seinem weißen Vollbart und dem zwingenden Blick das Urbild einer biblischen Patriarchen-Gestalt. "Dass wir in Deutschland die Unterstützung beider Oberrabbiner erreicht haben, ist etwas ganz Seltenes", sagt Ehrenberg. "Diese beiden vertreten nicht nur den Staat Israel - sie sind geistliche Führer der ganzen jüdischen Welt. Und sie wollen uns stärken, sie wollen mit ihrem Besuch sagen: Wir verstehen, wir akzeptieren jetzt, dass Juden in Deutschland leben. Und wir werden alles tun, um sie zu unterstützen."

Bislang hatten Israels Rabbiner die deutschen Juden eher aufgefordert, nach Israel auszuwandern. "Die beiden Oberrabbiner signalisieren mit ihrem Besuch der ganzen Welt: In Deutschland leben wieder Juden", sagt Yitzhak Ehrenberg.

"Es ist ein historischer Moment", sagt Yona Metzger. "Sehen Sie - mit dem Niederbrennen der Synagogen begann der Holocaust. Und nun kommen die beiden Oberrabbiner Israels gemeinsam nach Berlin, um in einer deutschen Synagoge eine Thora-Rolle zu beenden. Für uns ist das ein Symbol. Dafür, dass wir gewonnen haben und dass Hitler verloren hat." Und was fühlte er, als er jetzt deutschen Boden betrat? "Ich sage Ihnen das ganz ehrlich: doch ziemlich seltsam. Meine Mutter stammte aus Deutschland. Ich habe viele Familienangehörige im Holocaust verloren."

Der hochgewachsene Oberrabbiner aus dem Heiligen Land lächelt. "Und jetzt bin ich stolz, hier zu sein. Denn historisch ist für uns nicht nur die Beendigung der Thora-Rolle. Die Kanzlerin der Bundesrepulik Deutschland hat uns eingeladen, unterstützt uns im Kampf gegen Antisemitismus und Terrorismus. Wir haben sie gebeten, sich für die Freilassung unserer entführten Soldaten einzusetzen. Wir respektieren ihre Fähigkeiten sehr, und wir bitten Gott darum, ihr Kraft zu verleihen."