Potsdam-Prozess: Ist der Überfall auf den Deutsch-Äthiopier noch aufzuklären?

"Stiefvater" beschwört Alibi von "Pieps"

Alle Augenzeugen wurden gehört, keiner konnte die Verdächtigen zweifelsfrei wiedererkennen.

POTSDAM. Eine lückenlose Aufklärung des brutalen Überfalls auf den Deutsch-Äthiopier Ermyas Mulugeta wird immer unwahrscheinlicher. Alle Augenzeugen der Tat haben mittlerweile vor dem Landgericht Potsdam ausgesagt, doch keiner konnte die Täter genau beschreiben. Ein Zeuge bescheinigte dem Hauptangeklagten Björn L. ein Alibi. "Die Nacht war er zu Hause, das kann ich beschwören", sagte der Lebensgefährte der Mutter von Björn L. und sozusagen sein Stiefvater, vor Gericht. Während die Verteidigung von einem "glasklaren Alibi" sprach, äußerte die Nebenklage massive Zweifel.

Björn L. soll in der Nacht zum Ostersonntag 2006 den dunkelhäutigen Ermyas Mulugeta an einer Potsdamer Straßenbahnhaltestelle durch einen Faustschlag lebensgefährlich verletzt haben. Der zweite Angeklagte Thomas M. muss sich wegen unterlassener Hilfeleistung verantworten. Beide bestreiten, überhaupt am Tatort gewesen zu sein.

Ein wichtiges Indiz für eine Tatbeteiligung ist aus Sicht der Staatsanwaltschaft die Aufzeichnung des Wortgefechts zwischen Ermyas Mulugeta und den beiden Tätern, das auf der Handy-Mailbox der Ehefrau des Opfers aufgezeichnet wurde. Darauf soll den Ermittlungen zufolge die vergleichsweise hohe Stimme von Björn L., der von Bekannten "Pieps" genannt wird, zu hören sein. Der 61-jährige Lebensgefährte der Mutter von Björn L. erklärte jedoch, der 29-Jährige habe zu dem fraglichen Zeitpunkt "fast keine Stimme gehabt und nur gekrächzt".

Ein Augenzeuge konnte die Täter vor Gericht nicht wiedererkennen. Er habe nur noch "vage Vorstellungen", dass es zwei Männer waren, sagte der 23-Jährige. Er schilderte, wie er gegen vier Uhr morgens aus etwa 25 Meter Entfernung den Vorfall beobachtete. Für ihn sah es "wie eine Kneipenschlägerei" aus. Deshalb habe er auch nicht die Polizei alarmiert. Zunächst sah der junge Mann ein Streitgespräch zwischen zwei Männern und Mulugeta, er habe jedoch nichts gehört. Dann seien die beiden Männer weggegangen. Mulugeta folgte ihnen nach Auskunft des Zeugen und holte mit der Hand zu einem Schlag aus, wobei er nicht getroffen habe. Der breitere der Männer habe sich dann umgedreht und dem Dunkelhäutigen einen Faustschlag verpasst. Der andere Mann soll dem Deutsch-Äthiopier das Handy aus der Hand geschlagen haben. Dann seien die Täter weggelaufen. Einen Tritt von Mulugeta habe er nicht gesehen, wie es in der Anklage steht und mehrere Zeugen beobachtet haben wollen.

Ein ehemaliger Mitgefangener von Björn L. weigerte sich, vor Gericht auszusagen. Die Richter verhängten einen Monat Beugehaft gegen den ohnehin wegen Körperverletzung im Gefängnis sitzenden 28-Jährigen. Dieser hatte erklärt, Björn L. habe im Gefängnis von der Tat erzählt.

Nur vage in die Richtung der Anklage ging die Aussage eines Taxifahrers, der während des Angriffs und kurz danach mit seinem Wagen den Tatort passierte. Er gab zu Protokoll, die beiden Täter von hinten gesehen zu haben. Bei der Polizei hatte er während einer Video-Gegenüberstellung Björn L. unter sieben Männern anhand von Statur und Gang wiedererkannt. Seine Aussage relativierte der 29-Jährige aber mit den Worten: "Wenn überhaupt, dann ist es Täter Nummer drei."