Arzneimittel: Weniger Sponsoring für Ärzte und mehr für Selbsthilfegruppen - Experten warnen vor Gefahren

Pharma-Firmen umwerben Patienten jetzt direkt

Gesundheitsökonom sieht trickreiches Millionengeschäft.

Hamburg. Zur Verbreitung ihrer Pillen und Heilmittel setzt die Pharmaindustrie verstärkt auf direkten Kontakt zu chronisch Kranken und Selbsthilfegruppen. "Das Budget der Pharmafirmen für Ärzte geht zurück, für Patienten wird es hochgefahren", sagte der Bremer Gesundheitsökonom Gerd Glaeske bei einem Workshop der Techniker Krankenkasse. Wie in den USA kalkulierten auch deutsche Pharma-Unternehmen, dass pro eingesetzten Euro für die Beeinflussung der Patienten 4,20 Euro mehr Umsatz gemacht würden.

Dabei operieren die Firmen im Graubereich. Sie umgehen das Werbeverbot für rezeptpflichtige Arzneimittel, indem sie Broschüren der Selbsthilfegruppen sponsern, bei Patientenkongressen auftauchen oder mit Krankenstudien Werbung für neue Pillen machen. Das geht nach den Worten von Glaeske so weit, dass bei bestimmten Medikamenten gegen Osteoporose und Neurodermitis sogar Krebsgefahr bestanden habe, diese aber als Innovationen gefeiert wurden. "Der Patient will es, der Arzt verschreibt es", beschrieb Glaeske den wichtigsten Pakt in diesem trickreichen Millionengeschäft.

Anke Martiny, Vorstandsmitglied der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International sagte, bei Krebs- oder Rheuma-Patienten würden Erwartungen geweckt, die bisweilen gefährlich seien: "Das Schmerzmittel Vioxx wurde gleich nach der Zulassung verordnet, der Hersteller hat das Risiko von Herz-/Kreislauferkrankungen verharmlost." Die Einflussnahme der Pharmabranche lasse bei Selbsthilfegruppen so manchen schwach werden, "wenn er erster Klasse fahren oder im Vier-Sterne-Hotel übernachten kann".

Die Selbsthilfegruppen wiesen die Vorwürfe zurück. "Wir wollen nicht korrumpiert werden", sagte Hans-Detlev Kunz vom Deutschen Psoriasis Bund. Experte Glaeske sprach vom guten Image der Selbsthilfe, das ausgenutzt werde. Karin Makies vom Verband der Kehlkopflosen sagte: "Wir sparen den Krankenkassen Geld." Einige Patientenvertreter warfen Transparency eine Kampagne vor. Der Kassenverband VdAK/AEV sprach von einem Wirrwarr der 70 000 Selbsthilfegruppen, die von den Kassen 40 Millionen Euro bekämen: "Bei allein fünf Schlafapnoe-Organisationen fragt man sich, wen man unterstützen soll", sagte Kassenvertreterin Karin Niederbühl.