"Unterricht und Lehrer müssen besser werden"

Interview mit dem Hamburger Erziehungswissenschaftler Bos über Konsequenzen aus der OECD-Studie.

Hamburg. ABENDBLATT: Die OECD hat dem deutschen Bildungssystem mal wieder schlechte Noten ausgestellt. Jetzt verlangen Politiker die Abkehr vom dreigliedrigen Schulsystem. Ist das der richtige Weg zu besseren Ergebnissen?

PROFESSOR DR. WILFRIED BOS: Eine Systemdebatte bringt uns jetzt nicht weiter. Das System ist nicht der entscheidende Faktor, um zu besseren Leistungen zu kommen.

ABENDBLATT: Sondern?

BOS: Das Kernproblem in Deutschland ist: Der Unterricht muss verbessert werden. Was ich damit meine, lässt sich mit der KESS-Studie für Hamburger Grundschulen zeigen. Die Studie hat ergeben, dass an rund 50 Schulen besonders gute und an rund 50 Schulen außergewöhnlich schlechte Ergebnisse erzielt wurden - jedoch bei sehr ähnlichen Voraussetzungen der Schulen, etwa bei der Zahl der Migrantenkinder. Dass es dennoch solche Unterschiede gab, legt den Schluss nahe: Es muss an der Qualität des Unterrichts gelegen haben.

ABENDBLATT: Den Unterricht bestreiten die Lehrer . . .

BOS: . . . richtig. Es gibt Lehrer und Kollegien, die besser arbeiten, und solche, die schlechter arbeiten. Das Ziel sollte aber sein, dass alle Lehrer und Kollegien richtig gut arbeiten.

ABENDBLATT: Wie kann man das erreichen?

BOS: Die Lehrer müssen untereinander mehr zusammenarbeiten, sich gegenseitig verbessern, über ihre Schwächen offen sprechen. Diese Tradition gibt es in Deutschland aber nicht. Das findet kaum statt. In anderen Ländern ist das schon lange an der Tagesordnung. Man muss da an der Lehrerausbildung ansetzen, aber auch die Schulleitungen in die Pflicht nehmen. Es ist ja nicht verboten, dass sich der Schulleiter regelmäßig den Unterricht ansieht und das thematisiert. Dazu müssten sich die Schulleiter freilich als Vorgesetzte sehen und nicht als einige unter vielen. Sie müssten viel mehr als Verantwortliche auftreten. Wie gute Chefs in einer Firma. Die motivieren, kritisieren und belohnen ihre Mitarbeiter ja auch.

Es mangelt auch an der Lehrerfortbildung. Die muss zur Pflicht werden. Bisher machen das meist nur die, die ohnehin engagiert sind. Auch da wären die Schulleitungen in der Pflicht. Die könnten ja bei den Lehrern mal kontrollieren, wann die letzte Fortbildung gemacht wurde. Wenn das zu lange her war, sollten sie sie dazu auffordern, bald mal wieder eine zu machen.

ABENDBLATT: Wo muss noch dringend etwas gemacht werden?

BOS: In Deutschland ist der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungsstand so groß wie kaum anderswo. Das heißt, viele Kinder finden zu Hause nicht das Milieu vor, das sie zum Lernen anregt. Das muss ihnen aber vor allem nachmittags geboten werden. Deshalb bin ich ein großer Verfechter einer guten Nachmittagsbetreuung. Wir brauchen also möglichst viele Ganztagsschulen.

Nur wenn man all diese Bereiche optimiert hat, dann kann man sich auch gerne darüber unterhalten, ob man das dreigliedrige Schulsystem durch ein anderes System ersetzt. Denn eines ist doch einleuchtend: Wenn der Unterricht im neuen System genau so weiterläuft wie bisher, wird sich nur durch den Systemwechsel nicht wahnsinnig viel ändern.

ABENDBLATT: Weshalb wird denn eigentlich das dreigliedrige Schulsystem so kritisiert?

BOS: Durch dieses System werden die Kinder sehr früh, nämlich gleich nach der Grundschule, auf Hauptschule, Realschule und Gymnasium aufgeteilt. Dabei passieren zwangsläufig Fehler - manche Schüler sind für die Hauptschule zu gut, manche für das Gymnasium zu schwach. Das Problem ist dabei jedoch, dass diese Fehler nur schwer wieder korrigiert werden können.

ABENDBLATT: Warum?

BOS: Weil das dreigliedrige System sehr undurchlässig ist. Die Lehrer in den drei Schulgliedern erwarten, dass sie genau die Schüler bekommen, die dem jeweiligen Leistungsstand entsprechen. Das bedeutet: Wer in einem Schulzweig Probleme hat, wird automatisch nach unten weitergereicht. Umgekehrt ist es aber so: Wer für die Hauptschule zu gut ist, hat kaum eine Möglichkeit, ins Gymnasium zu wechseln. Diese Undurchlässigkeit muss radikal verbessert werden.

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