Von Altschulden bis Beutekunst

Russisch-deutsche Gespräche in Weimar

Weimar. Die Sonne lachte vom strahlend blauen Himmel, als der russische Präsident Wladimir Putin gestern unter größten Sicherheitsvorkehrungen auf dem historischen Marktplatz von Weimar eintraf. Dort erwartete ihn Bundeskanzler Gerhard Schröder und empfing ihn mit allen militärischen Ehren. Freundliche Atmosphär soll auch die zwei Tage dauernden russisch-deutschen Gespräche bestimmen, deretwegen Putin in die Stadt Goethes und Schillers reiste. Schröder hob die Wirtschaftsbeziehungen beider Länder als unerwartet dynamisch hervor. Zudem sprach er sich dafür aus, einen der G7- oder G8-Gipfel der führenden Industrienationen 2003 im russischen St. Petersburg auszutragen. Der Kanzler plädierte ferner für eine verstärkte Einbeziehung Russlands in Entscheidungsprozesse der NATO. Der Gipfel wird sich auch maßgeblich mit Wirtschaftsfragen beschäftigen. So rechnen deutsche Unternehmen mit Vertragsabschlüssen in Höhe von rund 1,5 Milliarden Euro. Darüber hinaus wird erwartet, dass zwei langwierige Konflikte beigelegt werden - der Fischtrawler-Streit sowie der Zank um russische Altschulden aus DDR-Zeiten (Transferrubel). Der Transferrubel war die interne Verrechnungseinheit des 1990 aufgelösten Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe, dem Wirtschaftsverbund der sozialistischen Staaten. Umstritten ist der Zeitpunkt der Rückzahlung und der Kurs. Putin und Schröder wollen heute, so ist zu hören, eine Einigung darüber verkünden. Parallel zum Gipfeltreffen findet seit Montag der "2. Petersburger Dialog" statt, einem Treffen von 150 Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Kultur beider Länder. Im Zentrum steht das Bemühen, das Verhältnis zwischen Deutschen und Russen enger zu machen. So soll mehr Jugendaustausch stattfinden und es soll mehr Städtepartnerschaften geben. Davon gibt es bis heute nur 89 - zwischen deutschen und französischen oder britischen Städten dagegen weit über 1000. Ein Grund, so der russische Delegationsleiter Michail Gorbatschow, sei der, dass den deutsch-russischen Beziehungen eine "menschliche Dimension" fehle. Dennoch war zu hören, dass man sich inzwischen besser verstehe und auch heikle Themen - wie etwa die Beutekunst - sachlich bereden könne. Deutschland hilft beispielsweise heute bei der Restaurierung des Bernsteinzimmers, das einst von Hitlers Wehrmacht geraubt wurde. Putin und Schröder logieren übrigens in einem historischen Hotel in Weimar: dem "Elephant". Das Fünf-Sterne-Haus wurde 1561 erstmals erwähnt und verfügt über eine wechselvolle Geschichte. Dass Goethe und Schiller darin wohnten, versteht sich fast von selbst. Aber auch andere Größen wie Franz Liszt und Richard Wagner wohnten darin.