Leitartikel

Tod von Top-General wird in Nahost lange nachhallen

Bagdad am Freitag: Demonstranten halten ein Plakat mit dem Abbild des Generals Soleimani während eines Protestes gegen einen US-Luftangriff im Irak.

Bagdad am Freitag: Demonstranten halten ein Plakat mit dem Abbild des Generals Soleimani während eines Protestes gegen einen US-Luftangriff im Irak.

Foto: Ameer Al Mohmmedaw / dpa

Die Tötung des iranischen Top-Generals Soleimani sorgt für eine weitere Eskalation der Lage in Nahost. Sie könnte blutige Folgen haben.

Tunis. Als wäre der Nahe Osten nicht schon aufgewühlt genug! Im Norden Syriens verbreiten russische Kampfjets rund um die Uhr Angst und Schrecken. Auf dem Schlachtfeld in Libyen braut sich der nächste internationale Stellvertreterkrieg zusammen. Und der Jemen liegt fast völlig in Trümmern. Hunderttausende Menschen sind bereits gestorben. Abermillionen sind auf der Flucht. In dieses regionale Fiasko hinein droht nun die nächste große Konfrontation – diesmal zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran.

Mit seiner einseitigen Aufkündigung des Atomvertrags brachte US-Präsident Donald Trump den Konflikt im Mai 2018 wieder ins Rollen. Jetzt, mit dem von ihm autorisierten Drohnenattentat auf Ghassem Soleimani, schlagen die Flammen hoch.

Teheran wird diese Provokation nicht stillschweigend hinnehmen, gleichzeitig aber einem offenen Schlagabtausch mit dem übermächtigen Gegner vermeiden. Zusammen mit ihren regionalen Waffenbrüdern könnten die Revolutionären Garden daher zu einer Strategie blutiger Nadelstiche greifen – neue Zwischenfälle in der Straße von Hormus, weitere Sabotage-Angriffe auf Ölanlagen am Golf oder Terroraktionen gegen amerikanische Einrichtungen in aller Welt.

Trump bringt Nahost an den Rand eines neuen Krieges

Noch vor wenigen Tagen hatte US-Präsident Trump beteuert, er wolle keinen Krieg mit dem Iran. Gleichzeitig jedoch tut Amerikas Staatschef derzeit alles, um genau einen solchen Waffengang loszutreten. Denn der iranische General Ghassem Soleimani war nicht irgendein von seinen Leuten verehrter Vorzeigesoldat. Er war Teherans Chefstratege für die neue pan-schiitische Machtachse quer durch die arabische Kernregion und damit einer der Galionsfiguren der Islamischen Republik.

Andererseits weht diesen Machtgelüsten Teherans mit den Massenprotesten im Libanon und Irak erstmals ein scharfer Wind entgegen. Die arabischen Völker haben das Treiben der Iran-ergebenen Milizen satt, die sich wie Statthalter der Islamischen Republik aufspielen. Der getötete Soleimani nahm sich im Irak bisweilen sogar das Recht heraus, wie ein Regierungsmitglied an Kabinettssitzungen teilzunehmen. Auch hielt er sich offenbar für so unantastbar, dass er kaum 48 Stunden nach dem spektakulären Angriff seiner lokalen Verbündeten auf die US-Botschaft in Bagdad mit seinem Flugzeug in der irakischen Hauptstadt landete und sich in die Stadt eskortieren lassen wollte.

Der nächste Aufstand gegen Ajatollah Chamenei kommt bestimmt

Ähnlich gereizt wie Libanesen, Syrer und Iraker reagiert inzwischen auch die iranische Bevölkerung auf das kostspielige Hegemonialprojekt ihrer revolutionären Hardliner. Die Menschen in der Islamischen Republik ächzen unter der chronischen Wirtschaftsmisere und sehnen sich nach Freiheit und Wohlstand. Dem System ihres Gottesstaates können sie kaum noch etwas abgewinnen. Den bisher größten Massenaufruhr in der 40-jährigen Geschichte der Islamischen Republik, der im November jeden Winkel des Landes erreichte, konnte das Regime nur noch mit brutalster Gewalt ersticken.

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Noch sitzen die Politkleriker um Ajatollah Chamenei fest im Sattel, doch der nächste Aufstand kommt bestimmt. Auch der vom Weißen Haus befohlene Raketentod Soleimanis wird im Nahen Osten lange nachhallen, egal wie die Entwicklung jetzt weitergeht.

Denn der Tag könnte beides bedeuten. Er könnte den Anfang vom Ende der iranischen Dominanz markieren und den betroffenen arabischen Völkern diesen Teil ihrer verlorenen Souveränität zurückgeben. Oder er könnte die Konfrontation aller gegen alle weiter metastasieren und damit den Zerfall des nahöstlichen Staatengefüges noch mehr beschleunigen.