Miniatur-Atomsprengköpfe

Nordkorea erreicht neue Phase der Bedrohung

Start einer Interkontinentalrakete mit hoher Reichweite vom Typ Hwasong-14.

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Start einer Interkontinentalrakete mit hoher Reichweite vom Typ Hwasong-14.

Ein großer Schritt auf dem Weg zur vollwertigen Atommacht: So schätzen US-Geheimdienstler die neuesten Nachrichten zu Nordkoreas Atomprogramm ein. Japan kommt zu einem ähnlichen Schluss. Die Sorgen um den gefährlichen Konflikt werden größer.

Tokio/Washington (dpa) – Nordkorea ist nach Erkenntnissen der USA und Japans in der Lage, seine Raketen mit Miniatur-Atomsprengköpfen zu bestücken.

Wie die "Washington Post" unter Berufung auf vertrauliche Geheimdiensterkenntnisse berichtete, hat Nordkoreas Atom- und Raketenprogramm erhebliche Fortschritte gemacht. Die Bestückung könne Interkontinentalraketen umfassen. Ein in Tokio veröffentlichtes Weißbuch des japanischen Verteidigungsministeriums kommt zu dem gleichen Schluss.

Sollte dies der Fall sein, könnte es die Führung in Pjöngjang "zu selbstsicher" machen und zu riskanten militärischen Provokationen verleiten, hieß es in Japan. In dem knapp 570 Seiten langen Bericht wird auch auf zwei Atomtests und 20 weitere Tests mit ballistischen Raketen im Vorjahr verwiesen.

Der Bericht der "Washington Post" kommt zu der Einschätzung, dass Nordkorea nach Ansicht des Geheimdienstes DIA (Defence Intelligence Agency) bei seinem Programm viel schnellere Fortschritte macht als bisher angenommen. Der jetzt bekannt gewordene Schritt sei für Nordkorea ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer vollwertigen Atommacht. Er vergrößere die weltweiten Sorgen.

Der Konflikt mit dem kommunistisch regierten Land gilt als der derzeit gefährlichste der Welt. Japan und Südkorea sind Verbündete der USA, dem Erzfeind der Führung in Pjöngjang. Beide Länder fühlen sich durch das Atom- und Raketenprogramm Nordkoreas zunehmend bedroht.

Trotz aller Verbote des UN-Sicherheitsrates sowie aller Warnungen hatte Nordkorea am 28. Juli eine Interkontinentalrakete getestet. Diese hatte nach Berechnungen von Experten eine theoretische Reichweite von rund 10 000 Kilometern.

Als Reaktion auf den Raketentest hat der UN-Sicherheitsrat am Wochenende die bislang schärfsten Wirtschaftssanktionen gegen Nordkorea verhängt.

Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un hatte nach dem Test gesagt, das Festland der USA sei jetzt in Reichweite. Nach Einschätzung amerikanischer Experten wäre eine solche Rakete in der Lage, auch Städte wie Los Angeles oder Chicago zu erreichen.

Nach Einschätzung der USA verfügt Nordkorea über das Potenzial für bis zu 60 Atomwaffen. Unabhängige Experten wie der ehemalige Direktor des US-Atomlabors in Los Alamos, Siegfried Hecker, sprechen von 20-25 Bomben. Die "Washington Post" zitiert Hecker mit der Ansicht, man solle die von Nordkorea ausgehende Gefahr nicht übertreiben.

Japans neuer Verteidigungsminister, Itsunori Onodera, hatte am Freitag gefordert, die Angriffskapazitäten seines Landes zu stärken. Kritiker befürchten, dass Japans pazifistische Verfassung verletzt werden könnte. Artikel 9 verbietet die Anwendung von Gewalt zur Beilegung internationaler Streitigkeiten.

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