100.000 Dschihadisten aus Europa?

Spaniens Polizei schätzt die Zahl der militanten Islamisten wesentlich höher als andere Behörden

Madrid/Berlin. Die Zahl der aus der Europäischen Union nach Syrien und in den Irak ausgereisten Dschihadisten liegt nach Schätzungen der spanischen Polizei um ein Vielfaches höher als bisher vermutet. Demnach sollen zwischen 30.000 und 100.000 Islamisten aus Europa in die Kriegsgebiete gereist sein. In Berichten westlicher Geheimdienste sei bisher lediglich von rund 3000 bis 4000 „Dschihad-Touristen“ aus der Europäischen Union die Rede gewesen, schreibt die Zeitung „El País“, die am Wochenende die Studie der Policía Nacional in Auszügen veröffentlichte. Um nach Europa zurückzukehren, nehmen die radikalen Islamisten demnach häufig die Dienste von Schleuserbanden in Anspruch.

In Deutschland hat laut „Süddeutscher Zeitung“ jeder fünfte von mittlerweile rund 200 Rückkehrern mit den Sicherheitsbehörden kooperiert und über seine Zeit bei der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) Auskunft gegeben. Aus den Protokollen gehe hervor, dass der IS auch gegen eigene Leute mit äußerster Brutalität vorgehe. Vermeintliche Spitzel seien gefoltert, erschossen oder geköpft worden, heißt es in dem Bericht. Ein Rückkehrer habe von einem Neuankömmling erzählt, der hingerichtet worden sei, nur weil er sein Handy versteckt habe. Auch von brutalen Mutproben sei die Rede. In mindestens zwei Fällen ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen mutmaßliche IS-Terroristen aus Deutschland inzwischen auch wegen Kriegsverbrechen, wie die „Welt am Sonntag“ unter Berufung auf Justizkreise berichtete. Dabei handele es sich um den Berliner Denis Cuspert und den Deutschalgerier Fared S. aus Bonn.

Das Bundeskriminalamt habe Erkenntnisse, wonach beide Männer 2014 an der Ermordung syrischer Soldaten und Zivilisten beteiligt gewesen sein könnten. Die Ermittlungen beträfen daher nicht nur die Mitgliedschaft in einer Terrorgruppe sowie die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, sondern auch Paragraf 8 des Völkerstrafgesetzbuchs zu Kriegsverbrechen gegen Personen. Bei einer Verurteilung drohe lebenslange Haft.

Die spanische Polizei schildert in ihrer Studie auch detailliert, wie die „zumeist im Umgang mit Waffen und Sprengstoff erfahrenen“ Radikalen wieder zurück nach Europa gelangen – oft versteckt unter Bürgerkriegsflüchtlingen. „Den Ex-Kämpfern wird die Einreise mit falschen Papieren ermöglicht“, zitiert „El País“ aus dem Bericht. Die Schleuser nutzten vor allem das spanische Territorium, um die Rückkehrer nach Zentral- und Nordeuropa – und auch nach Deutschland – zu bringen. Die Radikalen „bedienen sich dann der Hilfe des Roten Kreuzes und ihrer eigenen Mittel, um mit dem Bus oder Zug etwa nach Frankreich oder Deutschland zu fahren“, heißt es weiter.

In dem Bericht, der vor den Pariser Anschlägen vom Januar erarbeitet wurde, heißt es, für die Ex-Kämpfer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ gebe es mehrere Rückkehrrouten. Eine davon führe über die spanische Nordafrika-Exklave Melilla, eine südamerikanische laufe über Zwischenstopps vor allem in Brasilien, Venezuela und Peru. Auf der Melilla-Route seien zuletzt „zahlreiche Fälle von gefälschten Visa aus Deutschland“ registriert worden.

Die Geschäfte der Schleuser, die den Erkenntnissen von Polizei und Geheimdiensten zufolge mit ihren Gewinnen zum Teil auch den IS finanzieren, florierten zuletzt vor allem in Spanien, heißt es. Die Auftraggeber zahlten zwischen 6000 und 10.000 Euro. Damit werde mehr Geld gemacht als mit dem Kokainhandel.