„Charlie Hebdo“ – jetzt erst recht

Mit einer Mohammed-Karikatur auf der Titelseite erscheint heute das erste Heft nach dem Attentat

Paris. Ein Mohammed mit einer Träne im Auge, der ein Schild in der Hand hält, auf dem „Je suis Charlie“ steht. Darüber der Schriftzug „Alles ist vergeben“ – diese Zeichnung des Karikaturisten Luz wird das Titelbild der neuen Ausgabe des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ zieren, das am heutigen Mittwoch erstmals nach dem verheerenden Anschlag auf die Redaktion erscheint, bei dem zwölf Redakteure getötet worden waren.

Nun senden die Überlebenden das Signal, dass sie sich dem Terror nicht beugen. „Charlie Hebdo“, von dem normalerweise 60.000 Exemplare erscheint, wird in einer Drei-Millionen-Auflage ausgeliefert werden und soll in 25 Ländern erhältlich sein. In Deutschland kommt das Heft voraussichtlich am Wochenende in den Handel. „Es werden nach Deutschland absehbar 10.500 französischsprachige Exemplare geliefert“, sagte ein Sprecher des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger. Die Nachfrage werde diese Menge wohl „bei Weitem“ übertreffen.

Die immens hohe Auflage soll auch dazu beitragen, den Fortbestand des Blattes zu sichern, das bereits vor dem Anschlag in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckte. Nun ist die Nachfrage immens, Bürgermeister, Verwaltungen und Unternehmen haben massenweise Exemplare vorbestellt. Kioske, die sonst nur zwei Hefte orderten, haben Hunderte bestellt. Bis 19. Januar sollen die Verkaufsstellen in Frankreich täglich beliefert werden, um die Nachfrage zu decken. Die Ausgabe soll acht Wochen im Verkauf bleiben.

Seit Ende der vergangenen Woche hatten sich die überlebenden Mitarbeiter des Blattes in Büros der Tageszeitung „Libération“ getroffen, um die nächste Ausgabe vorzubereiten. Getrieben waren die Hinterbliebenen vom Ehrgeiz, bei aller Erschütterung und Trauer zu beweisen, dass sich „Charlie Hebdo“ nicht umbringen und sich auch durch islamistischen Terror nicht davon abbringen lässt, sich über alles und jeden lustig zu machen.

Die Entscheidung, erneut eine Karikatur des Propheten Mohammed auf das Titelbild zu setzen, ist dabei für das traditionell antiklerikale Blatt nur konsequent. Der Rechtsanwalt des Blattes, Richard Malka, erinnerte bei der Vorstellung des neuen Titelbildes daran, dass die Kritik an religiösen Autoritäten fester Bestandteil jeder der 1178 „Charlie Hebdo“-Ausgaben war, die bisher erscheinen sind. „Wir geben kein Stück weit nach, sonst hätte all das überhaupt keinen Sinn“, beschrieb Malka die Geisteshaltung der Redaktion.

Dem Titelbild lässt sich kaum kein islamfeindlicher Ton unterstellen. Der weinende Prophet, der sich zum Charlie erklärt, im Zeichen einer General-Absolution – bei der offenbleibt, ob der Prophet der ist der vergibt, oder ob die Vergebung auch für ihn gilt –, das ist vor dem Hintergrund der Morde eine Reaktion von größtmöglicher Barmherzigkeit. Ägyptische Islamgelehrte aber kritisieren die neuen Mohammed-Karikaturen als „rassistischen Akt“. Die islamischen Dachverbände Frankreichs riefen die Muslime des Landes auf, angesichts der neuen „Charlie Hebdo“-Ausgabe „ruhig zu bleiben und emotionale Reaktionen zu vermeiden“.