Ein Schoko-König für die Ukraine

Süßwarenhersteller Poroschenko kandidiert gegen Julia Timoschenko. Treffen der Außenminister Lawrow und Kerry

Kiew. Vor der Präsidentenwahl in der Ukraine am 25. Mai hat sich das Feld der Kandidaten am Wochenende gelichtet. Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko zog in Kiew seine Kandidatur zurück – zugunsten des Oligarchen Pjotr Poroschenko, der in Umfragen ohnehin führt. „Ich habe immer gesagt: Derjenige soll antreten mit den größten Chancen auf den Sieg“, begründete Klitschko seinen Rückzug. Der weltbekannte Boxer war im Ausland das Gesicht der ukrainischen Opposition; in seiner Heimat ist er weniger anerkannt. Klitschko will nun versuchen, im dritten Anlauf Bürgermeister der Hauptstadt Kiew zu werden. „Ich will aus Kiew eine wirkliche europäische Hauptstadt machen“, verkündete er.

Damit sind die Chancen für Poroschenko gestiegen, der einen Teil seines Vermögens als Schokoladenfabrikant gemacht hat. In der Politik hat er mehrfach die Seiten gewechselt, gehörte auch zu den Gründungsvätern der Partei der Regionen. Allerdings hatte er sich klar mit der Protestbewegung gegen den gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch verbündet und galt als ein Finanzier des Euro-Maidan, der Revolution in der Ukraine. Seine Regierungserfahrung, seine vielfältigen Geschäftskontakte und die Beziehungen zu den anderen Wirtschaftsgrößen der Ukraine könnten Poroschenko helfen, als Präsident Brücken zwischen dem Westen und dem Osten des Landes zu bauen und die anderen mächtigen Oligarchen ins Boot zu holen. Deren Unterstützung ist besonders wichtig, denn wie der Stahl- und Chemieunternehmer Rinat Achmetow sind viele von ihnen im Osten ansässig, wo ein Großteil der Einwohner russischstämmig ist.

Die frühere Regierungschefin Julia Timoschenko glaubt trotz schlechter Werte, dass nun ihre Zeit als Präsidentin gekommen ist. Sie ließ schon ihre Kandidatur unter freiem Himmel in Kiew wie eine Krönungsmesse inszenieren. Ihr Problem ist, dass der Wähler ihr viel Veränderung abnehmen muss: Von der „Gasprinzessin“ und Oligarchin zur Kämpferin gegen Korruption, von der eitlen Machtpolitikerin zur Mutter der Nation. „Ich habe mich verändert“, rief sie und erzählte von der Zeit im Gefängnis, die ihr Janukowitsch eingebrockt hatte.

Kein anderer Bewerber greift Russland und Präsident Wladimir Putin wegen der Annexion der Krim so scharf an wie Timoschenko. Andererseits hatte sie früher einen guten Draht zu Putin, und er spricht mit Achtung von ihr. Ihre Popularitätswerte sind niedrig, doch sie ist als Kämpferin bekannt. Ungeniert vereinnahmt Timoschenko die Protestbewegung, die sie während der Haft verpasst hatte. Als Vertrauenspersonen für ihre Kandidatur benannte sie fünf Aktivisten vom Unabhängigkeitsplatz.

Die ostukrainische Partei der Regionen, einst Machtbasis Janukowitschs, ist gespalten. Ihr aussichtsreichster Bewerber, der frühere Vizeregierungschef Sergej Tigipko, tritt als Unabhängiger an. Offiziell hob die Partei den Ex-Gouverneur des Gebiets Charkow, Michail Dobkin, auf den Schild. Gegen ihn läuft ein Verfahren wegen Separatismus. Aus dem rechtsextremen Spektrum wollen der Vorsitzende der Partei Swoboda (Freiheit), Oleg Tjagnibok, und der Führer des gewaltbereiten Rechten Sektors, Dmitri Jarosch, antreten.

Unsicher ist aber, ob die Präsidentenwahl am 25. Mai überhaupt wie geplant stattfinden wird. „Russland könnte die Präsidentenwahl verhindern mit Attacken auf den Osten und Süden“, sagt Experte Wladimir Fessenko. Die EU und die USA dringen auf eine rasche Wahl, um einen legitimen Ansprechpartner zu bekommen. Moskau will die Wahl nicht anerkennen, weil Janukowitsch illegal abgesetzt worden sei. Beobachter befürchten Zusammenstöße, je näher der Urnengang rückt.

Unterdessen steigen die Chancen für die Krisendiplomatie: Gut eine Woche nach der weltweit umstrittenen Annexion der Krim reden Russland und die USA wieder miteinander. In einem Telefonat hatten die Präsidenten Wladimir Putin und Barack Obama einen weiteren Vermittlungsversuch ihrer Außenminister in Paris vereinbart.

Während in der Nato über eine stärkere Präsenz an der russischen Westgrenze debattiert wird, berieten die Außenminister Sergej Lawrow und John Kerry am Sonntagabend in der französischen Hauptstadt über die Krise. Lawrow ging mit der Forderung in das Gespräch mit Kerry, die Ukraine müsse sich zu militärischer Neutralität verpflichten und auf einen Nato-Beitritt verzichten. Kiew müsse zudem schnell in einer neuen Verfassung den russischsprachigen Landesteilen mehr Rechte einräumen und Russisch als zweite Amtssprache anerkennen. Die Ukraine hatte die Forderung nach einer Verfassungsreform als „Besserwisserei“ zurückgewiesen.

Die Hauptsorge des Westens ist, dass Russland nach der Krim noch weitere Teile der Ukraine besetzen oder eingliedern könnte. Putin ließ sich schon vor Wochen vom russischen Föderationsrat eine Militärintervention genehmigen und zog nach westlichen Erkenntnissen Truppen an der Grenze zur Ukraine zusammen. Moskau beklagt immer wieder Übergriffe auf russischsprachige Bürger im Osten der Ukraine, bestreitet aber Absichten zum Einmarsch.