Timoschenkos Wut – Wahlkampf?

Beobachter glauben, die Politikerin bereite ihre Präsidentschaftskandidatur in der Ukraine vor

Kiew. Der Verlust der Halbinsel Krim an Russland hat schwere Turbulenzen in der ukrainischen Führung ausgelöst. Der kommissarische Verteidigungsminister Igor Tenjuch trat nach scharfer Kritik an mangelnden Befehlen für die Truppen auf der Krim zurück. Das Parlament in Kiew nahm sein Gesuch am Dienstag an. Als Nachfolger wählte die Oberste Rada den von Interimspräsident Alexander Turtschinow vorgeschlagenen Michail Kowal. Der Abzug der ukrainischen Truppen werde ruhig verlaufen, versicherte der Generaloberst.

Turtschinow, zugleich Parlamentschef, stellte sich seinerseits einem Misstrauensantrag, der aber abgeschmettert wurde. Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko hatte zuvor die Regierung als ineffektiv kritisiert und Turtschinows Rücktritt verlangt. Zwei Monate vor der Präsidentenwahl kritisierte Kandidat Klitschko, nicht alle an der Koalition beteiligten Kräfte, darunter seine Partei Udar (Schlag), würden in die Entscheidungen einbezogen.

Für Wirbel sorgte auch das vermutlich abgehörte Telefonat von Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko, in dem sie auf Russisch über Kremlchef Wladimir Putin sagte: „Ich bin selbst bereit, eine Kalaschnikow in die Hand zu nehmen und dem Dreckskerl in den Kopf zu schießen.“ Timoschenko bestätigte bei Twitter die Echtheit des Mitschnitts in weiten Teilen. Eine Passage sei allerdings manipuliert worden. Ihre Sprecherin machte den russischen Inlandsgeheimdienst FSB verantwortlich.

Timoschenkos Kandidatur bei der Präsidentenwahl am 25. Mai gilt als wahrscheinlich. Beobachter schlossen nicht aus, dass das abgehörte Gespräch ein Teil ihrer Wahlkampagne ist. Damit wolle sich die 53-Jährige, der immer wieder enge Bande mit Putin nachgesagt werden, als Nationalistin beweisen und im antirussisch geprägten Westen des Landes Stimmen sammeln, hieß es. Der Milliardär Sergej Tigipko von der Partei der Regionen kündigte an, als Unabhängiger bei der Wahl anzutreten. Für die Kommunisten kandidiert Parteichef Pjotr Simonenko.

Die nahezu bankrotte Ukraine hofft unterdessen in Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds IWF auf einen Kredit von 15 bis 20 Milliarden US-Dollar (10,8 bis 14,5 Milliarden Euro). „Hoffentlich können wir morgen die letzten Hürden beseitigen“, sagte Finanzminister Alexander Schlapak. Der IWF prüft gegenwärtig in Kiew die Voraussetzungen für ein größeres Hilfsprogramm. Die Ukraine steht allein beim Nachbarn Russland mit rund 16 Milliarden Dollar in der Kreide.

In der westukrainischen Stadt Rowno wurde bei einem Polizeieinsatz Alexander Musytschko erschossen, ein führendes Mitglied der militanten Gruppe Rechter Sektor. Das Innenministerium betonte, der als Saschko Bilyj bekannte Aktivist habe bei einem Festnahmeversuch das Feuer eröffnet. Hingegen berichteten örtliche Medien, Einsatzkräfte hätten den bereits überwältigten Musytschko ermordet.