Euro-Krise trifft die Schwächsten

OECD-Studie zeichnet düsteres Bild der Schuldenstaaten. Deutschland dagegen habe Turbulenzen gestärkt überstanden

Berlin. Die Weltfinanzkrise hat in vielen Industrie- und Schwellenländern den sozialen Zusammenhalt empfindlich gestört. Denn in den meisten Staaten lasten die Folgen besonders schwer auf den Schwächsten der Gesellschaft: den Geringverdienern, Familien mit Kindern und jungen Erwachsenen.

Und während die Weltwirtschaft wieder Tritt gefasst hat, drohen die sozialen Folgen vor allem in Europas Schuldenstaaten aufgrund des anhaltenden Sparzwangs in den nächsten Jahren sogar noch größer zu werden. Dieses düstere Bild zeichnet die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) in ihrer aktuellen Studie „Gesellschaft auf einen Blick“.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Industrieländern ist Deutschland demnach jedoch nicht nur unbeschadet, sondern sogar gestärkt aus der Finanzkrise hervorgegangen. Die OECD widerlegt damit klar die hierzulande häufig gehörte Behauptung, dass die soziale Kluft infolge der Krise tiefer geworden sei.

Nach wie vor ist die Einkommensungleichheit in Deutschland deutlich geringer als im Durchschnitt der übrigen großen Industrie- und Schwellenländer. So sind hierzulande die obersten zehn Prozent der Einkommen 6,7-mal höher als die niedrigsten zehn Prozent. Der OECD-Mittelwert liegt hier bei 9,5. Und während die Spreizung in den meisten Ländern seit Beginn der Finanzkrise zugenommen hat, gilt dies für die Bundesrepublik nicht.

Insgesamt legten hierzulande die verfügbaren Haushaltseinkommen sogar während der Krise noch stärker zu als die Inflation, sie waren somit 2010 real höher als noch im Jahr 2007. Schließlich hat sich auch der hiesige Arbeitsmarkt als außerordentlich robust erwiesen. Die Erwerbslosenquote ist denn auch nur halb so hoch wie im OECD-Durchschnitt.

Insgesamt lassen sich die Deutschen ihren Sozialstaat vergleichsweise viel kosten. Vor allem die Rentenausgaben liegen im Verhältnis zur Wirtschaftskraft deutlich über dem Niveau der meisten anderen Staaten. Ein Viertel aller Sozialausgaben fließt hierzulande in die Alterssicherung.

In Zukunft droht hier dem Land allerdings Ungemach, wie die Studie belegt. Stehen derzeit jedem Ruheständler noch drei Erwerbsfähige im Alter zwischen 20 und 64 Jahren gegenüber, so verschlechtert sich diese Quote in den nächsten Jahrzehnten rasant. Weltweit altert nur Japan noch schneller. Im Jahr 2050 wird die Gruppe der Aktiven in Deutschland und Japan nur noch wenig größer sein als die der Senioren.

Die Alterung wird Deutschland somit weitaus nachhaltiger treffen, als es die Finanzkrise tat. Dass die Bundesregierung angesichts dieser Perspektive ein Rentenpaket auf den Weg bringt, das die Ausgaben in den kommenden 40 Jahren noch deutlich erhöht, ist bemerkenswert.

Auch die geplante Rente mit 63 belastet den hiesigen Sozialstaat, da auf diese Weise aus etlichen Beitragszahlern vorzeitig Leistungsempfänger werden. Dagegen ist in vielen anderen OECD-Staaten mittlerweile nicht nur die Rente mit 67 beschlossen worden. Skandinavische Länder koppelten das Renteneintrittsalter sogar an die steigende Lebenserwartung. Die Zeiten, in denen die OECD den rentenpolitischen Reformeifer der Deutschen lobte, sind denn auch vorbei.

Viele OECD-Länder sind demnach also weitaus stärker von der Weltfinanzkrise betroffen, als dies in Deutschland der Fall ist. Laut der aktuellen Studie leben heute doppelt so viele Griechen, Iren und Spanier in Haushalten ohne Arbeitseinkommen als vor der Krise. In diesen Krisenländern, ebenso wie in Italien, mussten Geringverdiener zudem die größten Einkommenseinbußen hinnehmen.

Die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit warnt vor der Illusion, dass die sich abzeichnende konjunkturelle Erholung in Südeuropa die gesellschaftlichen Probleme entschärfen werde. „Der Wirtschaftsaufschwung reicht nicht, um die soziale Spaltung zu überwinden“, mahnt OECD-Generalsekretär Angel Gurría. Zwar müssten die Krisenstaaten den Weg der Reformen und Haushaltskonsolidierung weitergehen. Doch gleichzeitig sollten sie gezielte sozialpolitische Maßnahmen ergreifen, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, so der OECD-Generalsekretär. Aufgrund des Sparzwangs sollten die sozialen Ausgaben stärker als bisher auf die besonders Schutzbedürftigen konzentriert werden.

Denn die dramatischsten negativen Folgen drohten vor allem die hohe Jugendarbeitslosigkeit sowie Einsparungen im Gesundheitswesen, bei Familienleistungen oder bei Bildungseinrichtungen nach sich zu ziehen, mahnen die Forscher. Einsparungen an den falschen Stellen hätten langfristig hohe soziale Kosten zur Folge, warnt die Studie.

Doch sie zeigt auch, dass wirtschaftlicher Erfolg nicht alles ist. So gibt es derzeit kaum ein OECD-Mitglied, das die Schuldenkrise mehr belastet als Griechenland. Nirgendwo in der Euro-Zone sind die sozialen Probleme größer. Trotzdem gibt es in dem Land die niedrigste Selbstmordrate aller OECD-Staaten. In Japan, Ungarn und Korea liegt die Quote bis zu zehnmal höher. Die Deutschen sind im Mittelfeld.