Russlands Polizei jagt Migranten

Unterstützt und angestachelt wird sie dabei von Rechtsradikalen, die sich eine verbreitete ausländerfeindliche Stimmung zunutze machen

Moskau. Am späten Abend brennt im Keller eines Moskauer Plattenbaus ein Licht. Es ist halb elf, die Höfe im Randbezirk Tschertanowo sind dunkel, und nur wenige Passanten sind unterwegs. Eine Clique von Jugendlichen bemerkt das Licht durch ein kleines Fenster, und Adrenalin schießt in ihre meist kahl rasierten Köpfe. Die jungen Männer gehören zur Bürgerwehr, die sich Schild Moskaus nennt, und sind auf der Suche nach illegalen Migranten. Ihr Anführer ist Aleksej Chudjakow, ein kleiner blonder Mann von 26 Jahren. Er gibt sich als Polizist aus und fordert die Bewohner des Kellers auf, sie hineinzulassen. Ein Mann antwortet, er könne die Tür nicht öffnen. Für diesen Fall hat die Bürgerwehr eine Brechstange dabei, nach rund zehn Minuten ist die Tür auf.

Die Jugendlichen tragen Latexhandschuhe und medizinische Masken. „Um uns nicht anzustecken“, erklärt der 18-jährige Daniil Islamow. „Sie leben doch im Dreck.“ Er trägt ein schwarzes T-Shirt, eine Militärhose und eine Gürteltasche von „Thor Steinar“, einer deutschen Marke, die in der nationalistischen Szene populär ist.

Auf der Suche nach den Kellerbewohnern laufen die Jugendlichen aufgeregt weiter in die Dunkelheit hinein. Einer von ihnen holt eine Luftpistole heraus. Bald kommen sie triumphierend zurück mit ihren Opfern, die sich in einer Ecke zwischen den Röhren versteckt haben. Chadschi Dalijew, der hier wohnt, arbeitet im Bezirk Tschertanowo als Elektriker. Er ist 36 Jahre alt und kommt aus der Stadt Qarshi im Süden Usbekistans. Vor drei Jahren ist er nach Moskau gekommen, um zu arbeiten. Nur so kann er seine Familie daheim ernähren. Er habe zwei Kinder, drei und zwei Jahre alt, seine Frau sei jetzt mit dem dritten Kind schwanger, erzählt er. Er verdient monatlich 15.000 Rubel, umgerechnet rund 340 Euro. Das ist mehr, als er in Usbekistan verdienen könnte.

Es gibt keine offizielle Statistik darüber, wie viele Menschen wie Dalijew es in Moskauer gibt. In der Regel machen sie schwere, schlecht bezahlte Arbeit, sind Straßenkehrer, Putzhilfen, Bauarbeiter, Träger oder Verkäufer auf den Märkten. Sehr oft nehmen ihnen die Arbeitgeber ihre Papiere weg und halten sie quasi als Sklaven.

Chudjakow, der Schild Moskaus gründete, ist ein ehemaliger Aktivist der kremlnahen Jugendorganisation Junges Russland. Als deren Mitglied kämpfte er gegen die Opposition und nahm an ähnlichen Razzien gegen Briefkastenfirmen und Verkäufer leichter Drogen teil. Dann startete er Ende 2012 seine eigene Bewegung gegen Migranten. Gern zeigt er russischen und ausländischen Journalisten, war er tut. Diese Razzia sei bereits die fünfzigste. Seine Gruppe bei der russischen Variante von Facebook, vk.com, hat fast 3000 Mitglieder. Schild Moskaus ist nur eine von mehreren nationalistischen Organisationen, die in Absprache mit der Polizei Razzien in Kellern und Wohnheimen durchführen. „Das, was sie machen, ist absolut illegal“, sagt Alexander Werchowski, Leiter des Zentrums Sowa, das sich mit Rechtsextremismus in Russland beschäftigt. „Sie haben kein Recht, in fremde Wohnräume einzudringen und Papiere zu kontrollieren. Doch die Behörden drücken die Augen zu, wohl auch aus populistischen Gründen.“ Solche Razzien, an denen die Polizei beteiligt ist, würden unter Nationalisten immer populärer als traditionelle Angriffe gegen Migranten, erklärt er.

„Xenophobe Stimmungen sind in Russland schon seit dem Jahr 2000 weit verbreitet“, sagt Werchowski. „Und mit der Zeit sind sie immer heftiger geworden.“ Dafür gebe es mehrere Gründe. Zum einen sei die Zahl der Einwanderer tatsächlich gestiegen. Doch ein staatliches Programm zu ihrer Integration hat es in Russland nicht gegeben. Auch sei nichts getan worden, um die alltägliche Diskriminierung auf Basis der ethnischen Zugehörigkeit zu verhindern. „Das wichtigste Hassobjekt sind Dagestaner und andere Nationalitäten aus kaukasischen Republiken, die eigentlich russische Staatsbürger sind“, sagt Werchowski. Nach der letzten Umfrage des soziologischen Instituts Lewada-Zentrum sind 84 Prozent der Russen für die Einführung der Visumpflicht für Bürger aus ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien und dem Südkaukasus, 65 Prozent wollen die Arbeitsmigration in Russland einschränken.

Statt Integrationsprogrammen laufen in Moskau seit Wochen „Säuberungen“ der Märkte und große Polizeiaktionen gegen illegale Migranten. Zum Auslöser wurde ein Vorfall auf dem Matwejewski-Markt in Moskau. Bei einer Festnahme hat ein Mann einen Polizisten gestoßen, sodass dieser eine Schädelverletzung erlitt. Die Nationalität des Täters, die bei den russischen Medien fast immer genannt wird, machte Schlagzeilen: ein Dagestaner. Daraufhin erklärte die Polizei einen regelrechten Krieg gegen „ethnische Kriminalität“. Der russische Innenminister Wladimir Kolokolzew sagte: „Die Bekämpfung ethnischer Verbrechen ist unsere Priorität.“ Bei der letzten großen Aktion auf dem Markt „Gärtner“ am Mittwoch wurden mehr als 1000 Menschen festgenommen, insgesamt waren es seit Ende Juli mehr als 4000 Menschen.

Das Thema kochte durch die Bürgermeisterwahlen in Moskau in vier Wochen zusätzlich hoch. Alle Kandidaten versprechen harte Maßnahmen gegen illegale Einwanderung. Der amtierende Bürgermeister Sergej Sobjanin behauptet in den Medien, die meisten Verbrechen in Moskau würden von Einwanderern begangen. Hunderte Ausländer werden nun aus Russland deportiert. Im Moskauer Stadtbezirk Goljanowo wurde extra ein Zeltlager für sie aufgebaut. Nach Angaben der Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina, Leiterin der Organisation Bürgerlicher Beistand, befinden sich dort derzeit 584 Menschen, darunter 560 vietnamesische Staatsbürger, die in einer illegalen Nähfabrik arbeiteten.

„Die Besitzer der Fabrik haben wohl lange an die Polizei Schmiergeld gezahlt, anders ist es nicht möglich, insgesamt anderthalbtausend Vietnamesen in Moskau zu verstecken“, sagt Gannuschkina. Zusammen mit den Nähern wurden auch ein Asylbewerber aus Afghanistan sowie mehrere Syrer in das Lager gesteckt, die nun in ein Land ausgewiesen werden, in dem ein Bürgerkrieg tobt. Gannuschkina bezeichnet das Lager als „illegal“, kritisiert die Wohnbedingungen und russische Gerichte, die wie auf dem Laufband identische Ausweisungen anordnen, ohne sich mit den Fällen zu beschäftigen.

Doch in vielen Medien und unter den Bürgern findet das harte Durchgreifen gegen Migranten Zuspruch. Das beflügelt wiederum Menschen in Organisationen wie Schild Moskaus. Der junge Nationalist Islamow lächelt nach der Razzia im Keller jedenfalls zufrieden in dem Gefühl, etwas Richtiges getan zu haben. Sofort eilt er zum Treffen anderer „Bürgeraktivisten“. Außer Migranten kämpfe er nämlich noch gegen minderjährige Schwule, erzählt er stolz.