Berlusconi-Richter verplaudert sich

Jurist zitiert aus Urteilsbegründung, noch bevor diese veröffentlicht ist. Italiens Koalition in Gefahr

Mailand. Seit 19.40 Uhr am vergangenen Donnerstag ist Antonio Esposito, 71, der Weltöffentlichkeit bekannt. Der Präsident des Kassationsgerichts in Rom spricht in diesem Moment das Urteil gegen Ex-Premier Silvio Berlusconi, 76, aus. Er verdonnert den Cavaliere wegen Steuerbetrugs rechtskräftig zu einer Haftstrafe von vier Jahren. Die politische Karriere Berlusconis, der seit Anfang der 90er-Jahre die Geschicke Italiens mitbestimmt, hängt seitdem am seidenen Faden.

Der Ruhm des Augenblicks scheint Esposito nicht wohl bekommen zu sein. Bereits am Montag gewährt er der Tageszeitung „Mattino“ aus Neapel ein exklusives Interview. Am Dienstag macht das Blatt mit der Geschichte auf und erregt damit nationales Aufsehen. Die Schlagzeile lautet: „Berlusconi verurteilt, weil er es wusste“. Der „Mattino“ zitiert Esposito mit einer Aussage, die man frei so übersetzen könnte: Berlusconi war über den Steuerbetrug in seinem Medienunternehmen Mediaset informiert und ist deshalb schuldig gesprochen worden. Das Pikante dabei: Das Kassationsgericht hat die Urteilsbegründung noch gar nicht veröffentlicht. Für Esposito ist das ein veritables PR-Desaster, das ihm persönlich Sanktionen bescheren könnte.

Vor allem aber könnte der Lapsus für Italien gravierende Folgen haben. Die Berlusconi-Partei Popolo della Libertà (PDL) behauptet seit Tagen, dass das Urteil des Kassationsgerichts politisch motiviert ist. Die Interviewpanne Espositos dürfte die Partei nun in ihrer Meinung bestärken. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Hardliner in der PDL die Oberhand gewinnen und Berlusconi dazu überreden, die Regierungskoalition aufzukündigen und Neuwahlen zu erzwingen. Derzeit stellt die PDL gemeinsam mit den Sozialdemokraten die Regierung.

Für Ministerpräsident Enrico Letta ist der Wirbel rund um das Interview denkbar unglücklich. Der Premier ist seit 100 Tagen im Amt und versucht das Jubiläum dazu zu nutzen, die Aufmerksamkeit auf die Sachthemen zu lenken. Am Dienstag veröffentlichte er die bisherige Regierungsbilanz und wandte sich mit einer Stellungnahme direkt an die Italiener. „Die Italiener verstehen, dass es keine Alternative gibt. Damit beziehe ich mich nicht auf die Regierung. Ich spreche von der Notwendigkeit, die Gegensätze auszublenden und Stabilität zu wahren.“ Nur so könne die Politik für das Gemeinwohl sorgen. „Wir stehen kurz davor, aus der dramatischsten und dunkelsten Krise zu kommen, die heutige Generationen erlebt haben“, schreibt Letta.

Esposito bemüht sich um Schadensbegrenzung. Er behauptet, falsch zitiert worden zu sein. Doch dann stellt der „Mattino“ die Interviewaufnahme auf seine Internetseite. Wenn man es abhört, drängt sich die Schlussfolgerung auf: Esposito hat sich gedrechselt ausgedrückt, der Journalist hat das in der Zeile vereinfacht und verständlich gemacht. Eine Verfälschung der Kernaussage liegt wohl nicht vor. Sie lautet: Berlusconi wurde verurteilt, weil die Richter davon überzeugt waren, dass er von den Steuersünden wusste. Stellt sich die Frage: Warum hat sich ein erfahrener Richter wie Esposito überhaupt auf das Interview eingelassen? Vielleicht ist eine Freundschaft daran schuld. Esposito kennt den Journalisten des „Mattino“, Antonio Manzo, seit 35 Jahren. Beide kommen aus Neapel, sie werden Freunde und verlieren über all die Jahre nie den Kontakt. Manzo scheint Esposito hart bearbeitet zu haben, ihm das Interview zu gewähren. Es dürfte wohl erst einmal das letzte gewesen sein.