Rätselraten um Syriens Giftgas

Benutzt die Armee des Diktators Assad C-Waffen? Muss der Westen eingreifen? Die wichtigsten Fragen und Antworten

Wann und in welchem Umfang soll das syrische Regime Chemiewaffen benutzt haben?

In einer diplomatischen Note der US-Regierung, die dem Magazin „Foreign Policy“ zugespielt wurde, wird von fünf Toten bei einem angeblichen Einsatz von Chemiewaffen in Homs am 23. Dezember 2012 berichtet. Ein Video im Internet zeigt Opfer, die nur mühsam Luft bekommen und andere, die an Erbrochenem zu ersticken drohen. Am 19. März starben 32 Menschen in Khan al-Assal in Aleppo. Die Rebellen vermuteten als Ursache das Nervengas Sarin. Fast die Hälfte aller Toten waren Regierungssoldaten. Das Regime beschuldigte „Terroristen“, eine Rakete mit Chlorgas (bekannt als CL17) abgeschossen zu haben. Tatsächlich war wenige Tage vor diesem Zwischenfall in Aleppo eine Chlorfabrik in die Hände der Rebellen gefallen. Im Kurdenviertel Aleppos war am 13. April eine ungewöhnlich wirkende Granate eingeschlagen. Die Ärzte beobachteten bei Überlebenden Schaum vor dem Mund und in der Nase und Apathie. „Die Fotos von den Resten der Granate legen nahe, dass darin kaum ein chemischer Kampfstoff gewesen sein kann“, meint jedoch Eliot Higgins, der seit einem Jahr den Einsatz von Waffen im syrischen Bürgerkrieg beobachtet und beurteilt. In jedem Fall kann nur eine sehr kleine Menge der Substanzen eingesetzt worden sein, die Zahl der Opfer hätte sonst erheblich größer ausfallen müssen.

Wie ist die Beweislage?

Die Einschätzungen der Geheimdienste sind sehr unterschiedlich. Einige sehen sich verdichtende Hinweise, andere sind zurückhaltender. In einem Brief an zwei Senatoren stellt das Weiße Haus klar, die Herkunft der vorliegenden Beweise sei nicht lückenlos zu überprüfen. Noch ist nicht einmal bekannt, ob zumindest Blut- und Gewebeproben der Opfer untersucht wurden. Auch ist es nach Expertenmeinung nicht schwer, Bodenproben zu fälschen. Das Video angeblicher Opfer mit weißem Schaum vor dem Mund wirft eine Menge Fragen auf. Die Authentizität der Aufnahmen wird bezweifelt, recht große Einigkeit herrscht in der Einschätzung, dass zumindest auf den Bildern keine Opfer eines Nervengases zu sehen sind. Auch die Quellen der Informationen sind nur bedingt glaubwürdig: Deserteure sind notorisch unzuverlässige Informanten. Zahlreiche Berichte der Rebellentruppen haben sich in den vergangenen Monaten als falsch herausgestellt. Die Aufständischen haben ein großes Interesse daran, dem Regime Kriegsverbrechen nachzuweisen, etwa um eine Intervention des Westens zu provozieren.

Welche chemischen Kampfstoffe werden in Syrien vermutet? In welcher Menge und an welchen Standorten?

Nach Einschätzungen westlicher Geheimdienste verfügt Syrien über etwa 1000 Tonnen chemische Kampfstoffe. Vornehmlich handelt es sich dabei um die Nervengase Sarin und Senfgas. Die Waffen sollen derzeit an bis zu 20 verschiedenen Orten gelagert werden.

Wie wirken Sarin, Tabun, Soman, VX?

Bei diesen Substanzen handelt es sich um Nervenkampfstoffe. Die stören die Kommunikation zwischen den Nervenzellen und legen dadurch letztlich alle Organfunktionen lahm. Vom Körper aufgenommen werden die Stoffe über Hautkontakt, Einatmen, über die Augen oder auch über kontaminiertes Trinkwasser. Ein wirksamer Schutz ist nur ein Ganzkörperanzug mit Atemschutzmaske. Die ersten Symptome sind Pupillenverengung, Sehstörungen und Augenschmerzen, gefolgt von verstärkter Abgabe von Körperflüssigkeit über Tränen, Speichel und Schweiß sowie einer laufenden Nase. Sarin wurde von deutschen Chemikern 1938 entwickelt. Die bei Zimmertemperatur flüssige und leicht flüchtige Substanz ist farb-, geruch- und geschmacklos. Nachweisbar ist sie heute gleichwohl mithilfe von spezifischen Sensoren und Messgeräten. Sarin und die anderen sehr ähnlich wirkenden Nervenkampfstoffe sind als Massenvernichtungswaffen eingestuft. Bereits extrem geringe Konzentrationen verlaufen tödlich.

Kann man ein Chemiewaffenlager durch einen Luftangriff zerstören?

Bei einem derartigen Angriff bestände ein unkalkulierbares Risiko, dass Giftgas in die Umwelt freigesetzt wird. Die Entsorgung von Giftgas ist nur in aufwendigen Spezialanlagen bei extremen Sicherheitsvorkehrungen möglich.

Wo hat US-Präsident Obama seine rote Linie gezogen?

Obama sagte seit Sommer 2012 wiederholt öffentlich, der Einsatz von C-Waffen im syrischen Bürgerkrieg wäre ein „game changer“, und er warnte Assad vor einem Überschreiten dieser „red line“ – ohne sich allerdings auf konkrete Konsequenzen festzulegen. Interessant ist aber der genaue Wortlaut von Obamas Statement im August. Er sagte, eine rote Linie sei überschritten, „wenn wir wahrzunehmen beginnen, dass größere Mengen chemischer Waffen bewegt oder eingesetzt werden“. In den aktuellen Statements aus Washington zu Assads C-Waffen ist jedoch nur von ihrem offensichtlichen Einsatz in einem „geringen Umfang“ die Rede. Mit anderen Worten: Neben der „roten Linie“ gibt es noch eine „tiefrote Linie“, und die scheint aus Sicht des Weißen Hauses noch nicht überschritten.

Welche Gründe sprechen aus Obamas Sicht gegen ein militärisches Eingreifen?

Die Amerikaner lecken noch die Wunden, die die Kriege in Afghanistan und Irak geschlagen haben. Darum will Obama, wenn irgend möglich, jedes weitere militärische Abenteuer vermeiden, das ein riesiges Kontingent an Soldaten erfordern und Todesopfer kosten würde - ganz zu schweigen von den zusätzlichen Milliardenbelastungen in Zeiten der Sequester-Kürzungen, die überproportional stark das Pentagon treffen. Ein anderer Grund, der das Weiße Haus nach Einschätzung von Beobachtern vor einer Intervention in Syrien zurückschrecken lässt: Sie könnte Kräfte kosten, die fehlen würden, wenn der Konflikt um das iranische Atomprogramm einen US-Militäreinsatz an dieser Front notwendig machen sollte. Umgekehrt kann aber auch ein Überschreiten roter Linien durch Assad ohne amerikanische Konsequenzen in Teheran den Eindruck verstärken, hinter Obamas Drohungen stecke nicht viel Entschlossenheit. Das Bild eines zahnlosen Tigers aber müssen die USA in Zeiten einer Neudefinition globaler Kräfteverhältnisse auf jeden Fall vermeiden.

Welche militärischen Optionen hätten die USA? Wie viele Soldaten wären nötig?

Experten gehen davon aus, dass Assads C-Waffen an bis zu 18 verschiedenen Orten gelagert werden. Um sich zu ihnen gegen syrische Regierungstruppen, möglicherweise aber auch Rebellen, rasch durchzukämpfen und die Vorräte dann zu sichern, sind bis zu 75.000 Mann im Bodeneinsatz notwendig – Kampftruppen ebenso wie Wissenschaftler und C-Waffen-Experten. Der Zeitrahmen einer solchen Intervention lässt sich nicht abschätzen; er könnte mehrere Jahre umfassen. Darum sind alle aktuellen Vergleiche mit dem Irak-Krieg schief. Seinerzeit wollte die Politik die Intervention, und die US-Geheimdienste lieferten trotz einer skeptischen Weltöffentlichkeit vermeintliche Beweise.

Diesmal wollen die USA den Waffengang vermeiden. Erst nachdem die syrische Opposition, Israel und ein Sprecher des britischen Außenministeriums von „Beweisen“ für den Einsatz von C-Waffen gesprochen hatten, zog Washington zögerlich nach. Aber ob die „tiefrote Linie“ überschritten wurde, bleibt damit immer noch offen.