"Die Gesellschaft ist tief gespalten, der Chavismus wird überleben"

Prof. Detlef Nolte über die Folgen von Hugo Chávez' Tod

Hamburg. Seit 1999 regierte Hugo Chávez Venezuela. Die Armen sahen in ihm einen Heilsbringer, die bürgerliche Opposition bekämpfte ihn. Der linksgerichtete Populist galt vielen blockfreien Ländern als Vorbild, in der westlichen Welt als Reizfigur. Der Hamburger Lateinamerika-Experte Prof. Detlef Nolte sagt, was der Tod des Präsidenten für ein Land und Lateinamerika bedeutet.

Hamburger Abendblatt:

Hugo Chávez polarisierte wie kaum ein anderer. Wie gespalten ist die venezolanische Gesellschaft nach fast 14 Jahren Chavismus?

Prof. Detlef Nolte:

Die Gesellschaft ist sehr tief gespalten. Auf der einen Seite, die Anhänger von Chávez, die seine sozialistischen Reformen loben und Nutzen aus seiner Umverteilungspolitik gezogen haben. Auf der anderen Seite die Opposition, die sich von der Politik ausgeschlossen fühlt und mehr Mitsprache fordert. Es ist eine sehr polarisierte und teilweise aggressive Atmosphäre.

Welche Auswirkungen hat sein Tod auf Südamerika?

Nolte:

Der Einfluss von Hugo Chávez wird ein bisschen überschätzt. Er hat Ausstrahlung gehabt, war ein charismatischer Führer und für einzelne Staatschefs auch ein Vorbild. Aber andererseits war sein Einfluss in großen Staaten wie Mexiko oder Brasilien eher begrenzt. In anderen Ländern - wie etwa Kolumbien - ist er sogar auf offen Ablehnung gestoßen. In vielen kleineren Ländern wie Ecuador, Nicaragua, Bolivien oder Kuba war das sicherlich anders. Sein Nachfolger steht aber schon in den Startlöchern: Rafael Correa, Präsident von Ecuador, wird die Führung der lateinamerikanischen Linken übernehmen. Er hat Charisma und eine deutliche Mehrheit im eigenen Land hinter sich.

Chávez' Herrschaft war eine Ein-Mann-Show. Bricht die Chavismo-Bewegung auseinander?

Nolte:

Der Chavismus wird überleben. Chávez war ein charismatischer Führer mit einer breiten Anhängerschaft. Man sieht es in anderen Ländern: Nur weil die Führungsfigur tot ist, muss die Bewegung nicht aussterben. Den Peronismus gibt es heute noch in Argentinien, obwohl Peron schon seit fast 40 Jahren tot ist. Der tragische Tod, das lange Siechtum hat Chávez' Mythos natürlich gefördert.

Trauen Sie dem Vizepräsidenten Nicolàs Maduro die Nachfolge zu?

Nolte:

Das Charisma von Chávez hat er sicher nicht. Man wird sehen, inwieweit er aus seinem Schatten heraustritt und ein eigenes Führungsprofil entwickeln kann. Die chavistische Bewegung ist durchaus gespalten. Bislang hat Chávez das alles zusammengehalten. Ob Maduro die Aufgabe bewältigen kann, ist fraglich. Jetzt haben wir eine Ausnahmezeit. Die Trauer um die Führungsfigur steht im Vordergrund. Man wird abwarten müssen, wie sich die Kräfte neu verteilen.

Wird Maduro die Wahl gewinnen?

Nolte:

Das ist sehr sicher. Er wird von der Mobilisierung nach Chávez Tod profitieren. Die Opposition hat seit der letzten Wahl kaum zugelegt. Im Gegenteil, auch hier wachsen die Konflikte. Alles andere als ein Sieg von Maduro, wäre wirklich eine Überraschung.

Stehen dem Land politische Unruhen bevor?

Nolte:

Das hängt davon ab, wie gut organisiert und sauber die kommenden Wahlen sein werden, ob es Manipulationen oder Einschüchterungen geben wird. Letztendlich sind beide Seiten in der Verantwortung und müssen zueinanderfinden. Es wäre eine Chance für Maduro, als Versöhner zu wirken, obwohl die bisherigen Aussagen von ihm wenig Hoffnung machen.