Syrien

Rebellen suchen die Entscheidung

Türkei verlegt Panzer an die syrische Grenze. Ein Passagierjet aus Moskau soll Raketenteile transportiert haben.

Damaskus/Istanbul. Die syrischen Regimegegner versuchen mit aller Macht, die Regierungstruppen von Machthaber Baschar al-Assad aus den Gebieten an der Grenze zur Türkei zu vertreiben. Die Türkei rüstet derweil im Grenzgebiet zu Syrien weiter militärisch auf. Wie die türkische Tageszeitung "Hürriyet" unter Berufung auf Regierungskreise berichtete, verlegte die Luftwaffe 15 Kampfjets aus anderen Landesteilen ins südostanatolische Diyarbakir. Die Zahl der Panzer wurde um noch einmal 60 auf jetzt 250 erhöht.

Im türkischen Grenzgebiet schlagen immer wieder Granaten aus Syrien ein, die Türkei feuert jeweils mit Artillerie zurück. In der vergangenen Woche hatte das Parlament der Regierung in Ankara Militäreinsätze im Nachbarland erlaubt. Die Spannungen zwischen den Nachbarländern haben zugenommen, seitdem die Türkei ein syrisches Passagierflugzeug zur Landung zwang.

Die Regierung in Ankara hat nach Informationen der türkischen Zeitung "Takvim" jetzt einen Nato-Waffenexperten hinzugezogen, um die Fracht des abgefangenen Passagierflugzeugs zu untersuchen. Wie die Zeitung unter Berufung auf das Außenministerium berichtete, soll geprüft werden, ob unter den beschlagnahmten Materialien Teile sind, die zu Raketensprengköpfen montiert werden können. Die regierungsnahe Zeitung "Yeni Safak" berichtete von zwölf Raketenteilen, die an Bord gefunden worden seien. In Russland seien die militärischen Güter auf dem Luftwaffenstützpunkt Tula, 200 Kilometer von Moskau entfernt, geladen worden. Erst danach habe die Maschine in Moskau Passagiere an Bord genommen, hieß es.

Eine russische Zeitung meldete, das Passagierflugzeug habe zwölf Kisten mit Teilen eines Frühwarnsystems an Bord gehabt. Die Ladung sei für die Reisenden ungefährlich gewesen, sagte ein nicht namentlich genannter Mitarbeiter der russischen Rüstungsbranche der Zeitung "Kommersant".

Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle (FDP), der an diesem Sonnabend einen kurzen Zwischenstopp in Istanbul machen wird, rief die syrische Führung und die türkische Regierung zur Besonnenheit auf. Er sagte am Freitag in Peking: "Wir müssen sorgfältig darauf achten, dass wir hier nicht in eine Eskalationsspirale geraten."

Die syrischen Regimegegner berichteten von größeren Verlusten der Regierungstruppen. Bei einem Angriff auf eine Straßensperre in der Provinz Daraa seien am Freitag 14 Soldaten und sechs Kämpfer der Revolutionsbewegung ums Leben gekommen. Die Organisation Syrischer Menschenrechtsbeobachter teilte weiter mit, am Vortag seien 92 Soldaten sowie 146 Zivilisten und Rebellen getötet worden. Am Freitag zählten die Regimegegner 35 Todesopfer. Heftige Gefechte wurden aus den Provinzen Aleppo und Idlib an der Grenze zur Türkei gemeldet.

Radikale Islamisten haben nach eigenen Angaben in Syrien einen Bombenanschlag auf ein Gelände der Staatssicherheit verübt. Die Gruppen Ahfad al-Rasul und Ansar al-Islam bekannten sich in einem Schreiben zu dem Angriff westlich des Umajjad-Platzes in Damaskus. Das staatliche Fernsehen berichtete von zwei Verletzten bei einer "terroristischen Explosion".

Tausende von Syrern nahmen nach dem islamischen Freitagsgebet an Demonstrationen teil. Sie standen diesmal unter dem Motto "Die Bewohner der Küstenregion führen den Sieg herbei". Dies wurde als Appell an die Minderheit der Alawiten verstanden, sich gegen ihren Glaubensbruder Assad zu erheben.

Nach Angaben der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu kamen am Freitag 578 Flüchtlinge aus Syrien über die Grenze. Sie wurden in der Provinz Hatay in Flüchtlingslagern untergebracht. Unter den Neuankömmlingen seien zwei Generäle, berichtete Anadolu. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) und seine Partnerorganisationen bereiten die syrischen Flüchtlinge auf den Winter vor. Die beginnende kalte Witterung mit erwarteten Durchschnittstemperaturen knapp über dem Gefrierpunkt bedeute eine zusätzliche Härte für Hunderttausende Vertriebene in Syrien und den Anrainerstaaten, teilte das UNHCR mit. Für die Zusatzausgaben seien 50 Millionen Euro veranschlagt.

Allein in Jordanien haben nach Uno-Angaben derzeit 106 000 Menschen Schutz vor dem Bürgerkrieg in Syrien gesucht. Bis zum Jahresende könne sich deren Zahl auf 250 000 erhöhen. Die Hilfswerke unterstützten Bedürftige unter anderem mit Gutscheinen für Winterkleidung und Finanzhilfen in Höhe von umgerechnet 55 bis 110 Euro pro Familie für Kleidung, Brennstoff und Mieten. Im Flüchtlingscamp Za'atri werden laut UNHCR Heizöfen, Winterkleidung, warme Decken, Plastikplanen und Thermosflaschen ausgegeben.

Die Türkei beherberge augenblicklich 170 000 Flüchtlinge und stelle sich auf insgesamt 280 000 bis zum Jahresende ein. Die türkische Katastrophenhilfe habe ein Winterzelt entwickelt. Davon seien 30 000 Stück bei einem lokalen Hersteller geordert worden. Die bestehenden Unterkünfte würden nachgerüstet und gegen Niederschläge ausgestattet.