Ungarn

Roma-Vertreter: Gyöngyöspata ist ein Schlachtfeld

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abendblatt.de

Foto: AFP

Rund 300 Roma haben ein ungarisches Dorf verlassen, weil Auseinandersetzungen mit einer rechtsgerichteten Bürgerwehr befürchtet wurden.

Gyöngyöspata. Die angebliche Rettung von 277 Roma vor rechtsradikalen Umtrieben in Ungarn hat am Freitag für Verwirrung gesorgt. Vertreter der Minderheit erklärten, das Rote Kreuz habe sie aus dem zentralungarischen Dorf Gyöngyöspata in Sicherheit gebracht. Sie hätten sich an die Organisation aus Angst vor einem von der rechtsradikalen Gruppe Vederö geplanten paramilitärischen Trainingslager gewandt, sagten sie ungarischen Medien.

Ungarns Regierungssprecher Peter Szijjarto bestritt diese Angaben und erklärte, die Evakuierungsaktion des Roten Kreuzes sei nicht aufgrund einer „Notsituation“ durchgeführt worden. Es handle sich vielmehr um einen länger geplanten „Ausflug“ über das Osterwochenende. Erik Selymes, geschäftsführender Direktor des Ungarischen Roten Kreuzes, bestätigte diese Darstellung auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa.

Unterdessen ging die Polizei gegen das Trainingslager vor und nahm 8 von 20 Teilnehmern wegen „Rowdytums“ fest, wie Innenminister Sandor Pinter erklärte. Ein Vederö-Führer wurde in Handschellen abgeführt. Später nahm die Polizei weitere Mitglieder der Bürgerwehr fest.

Vederö: Training auf privatem Gelände

Pinter war am Abend nach Gyöngyöspata gereist, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Vederö-Vertreter erklärten, die Polizei missachte die Tatsache, dass das Trainingslager auf einem Privatgrundstück stattfinde. Pinter hatte schon am Donnerstag mehr Befugnisse für die Polizei angekündigt, um die Aktivitäten extremistischer Bürgerwehren zu verhindern.

Zur Rolle des Roten Kreuzes erläuterte Direktor Selymes, die Roma in Gyöngyöspata hätten sich am vergangenen Dienstag an das Rote Kreuz mit der Bitte gewandt, ein Ferienlager zu organisieren. Ein Zusammenhang mit der Präsenz von Rechtsradikalen im Ort habe nicht bestanden. Die Bitte sei nicht ungewöhnlich gewesen, zumal Ungarns Rotes Kreuz in den letzten 30 Jahren etwa 600 derartige Freizeitaktivitäten für bedürftige Ungarn organisiert habe.

Die rechtsradikale Gruppe Vederö hatte die Teilnehmer des paramilitärischen Camps aufgerufen, in Uniformen und mit Gummigeschoss-Waffen zu erscheinen. Bereits im März hatte eine andere rechtsradikale Gruppierung den 2800-Einwohner-Ort fast drei Wochen lang mit Märschen terrorisiert.

Roma-Sprecher: Gyöngyöspata praktisch ein Schlachtfeld

Janos Farkas, Vorsitzender des örtlichen Romarats, sagte, es würden Auseinandersetzungen mit Mitgliedern von Vederö befürchtet. "Wir haben Angst und wir haben Grund dazu“, sagte Farkas. "Seit fast zwei Monaten ist Gyöngyöspata praktisch ein Schlachtfeld.“

Farkas erklärte, Vederö-Mitglieder, die in der vergangenen Woche im Dorf nach einem geeigneten Ort für ihr dreitägiges Trainingslager suchten, hätten den Roma Drohungen zugerufen. "Sie wollen die Roma hier einschüchtern.“ Die Frauen und Kinder seien mit fünf Bussen an nicht genannte Orte in der Nähe des Plattensees gebracht worden. Nach der Abfahrt der Busse fuhren in dem Dorf mindestens zehn Polizeifahrzeuge auf.

In einigen Orten Ungarns hatten sich zuletzt Bürgerwehren gebildet, um gegen die angebliche Roma-Kriminalität vorzugehen. In Gyöngyöspata liefen Mitglieder von Bürgerwehren in Tarnkleidung und schweren Stiefeln in der vergangenen Woche Patrouille. Auch in anderen Gemeinden im Osten Ungarns mit großer Roma-Bevölkerung zeigten die Bürgerwehren Präsenz. Unterstützt werden solche Aktivitäten durch rechtsextreme Gruppen. Ungarns Regierung hat mehrfach betont, es nicht zulassen zu wollen, dass das Gewaltmonopol des Staats von derartigen Gruppen übernommen wird.

Das EU-Mitgliedsland Ungarn steht seit langem wegen seiner Verfassungsreform in der Kritik. Das Parlament in Budapest hatte Mitte April die umstrittene neue Verfassung gebilligt, die Kritikern zufolge die Macht der rechtsnationalen Regierungspartei Fidesz festigt und Nachfolgeregierungen handlungsunfähig machen kann.

Roma besetzen Papst-Basilika

Derweil haben auch in der italienischen Hauptstadt Roma für Aufsehen gesorgt. Rund 150 Roma, unter ihnen 40 Kinder, haben am Karfreitag die römische Basilika Sankt Paul vor den Mauern besetzt. Sie protestierten damit gegen die Zwangsräumung ihrer Behausungen in Casal Bruciato im Nordwesten Roms. Nach ergebnislosen Verhandlungen mit der römischen Stadtverwaltung gewährte ihnen der Vatikan als Besitzer der Basilika Übernachtungsasyl in einem Raum außerhalb des Kirchenschiffs, wie das italienische Fernsehen am Freitagabend berichtete.

Die Räumung illegaler Lager war in den vergangenen Tagen von einer Auseinandersetzung zwischen Roms Bürgermeister Gianni Alemanno (Volk der Freiheit) und der katholischen Basisgemeinde Sant'Egidio begleitet, die den Umgang mit Wohnsitzlosen in der Hauptstadt als konzeptlos und unmenschlich kritisiert. Alemanno machte laut anderen Medienberichten geltend, die Roma hätten alternative Unterbringungsmöglichkeiten abgelehnt.

Die Menschenrechtsorganisation amnesty international rief italienischen Medien zufolge den römischen Polizeipräfekten Giuseppe Pecoraro auf, alle Räumungen unverzüglich zu stoppen und den Plan der Stadtverwaltung zur Umsiedlung der Roma auszusetzen. (dpa/dapd/kna)

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