Gaddafis Sohn droht mit Sturm auf Bengasi

Saif al-Islam: "In 48 Stunden ist in Libyen alles vorbei"

Foto: AFP

Gaddafis Sohn Saif al-Islam droht den Aufständischen mit dem Sturm auf deren Hochburg Bengasi. Misrata wurde nun wohl bereits eingenommen.

Hamburg. Die Truppen des libyschen Machthabers Muammar el Gaddafi haben nach Angaben des Staatsfernsehens die Kontrolle über die bislang von Rebellen gehaltene Stadt Misrata errungen. Die Stadt werde jetzt von Rebellen „gesäubert“, hieß es am Donnerstag im Fernsehen. Die rund 200 Kilometer östlich von der Hauptstadt Tripolis entfernte Stadt war eine der letzten Bastionen der Aufständischen. Diese bestreiten bisher eine Niederlage, sie hätten immer noch die Kontrolle in der Stadt.

Muammar al-Gaddafi hat es eilig. Die Truppen des libyschen Diktators haben ihren militärischen Druck auf die Rebellen noch einmal massiv erhöht. Das Regime in Tripolis will möglichst vollendete Tatsachen schaffen, bevor der Sicherheitsrat in New York eine Entscheidung in Sachen Flugverbotszone fällen kann.

Die Beratungen im höchsten Gremium der Vereinten Nationen gingen auch gestern weiter; ein Beschluss wird aber frühestens heute erwartet. Der Entwurf für eine Flugverbotszone, die Gaddafis Luftwaffe am Bombardieren der Aufständischen hindern soll, wurde vom libanesischen Uno-Botschafter Nawaf Salam vorgelegt. Der Libanon ist derzeit die einzige arabische Nation im Sicherheitsrat. Die Arabische Liga hat die Einrichtung einer Flugverbotszone über Libyen gefordert.

Salams Vorstoß sieht zudem auf britisch-französische Initiative ein erweitertes Waffenembargo gegen Libyen sowie verschärfte Sanktionen gegen Gaddafi und seine Familie vor.

Allerdings gestalteten sich die Verhandlungen im Sicherheitsrat schwierig. Großbritannien und Frankreich fordern die Zone, China ist dagegen, und die restlichen Veto-Mächte USA und Russland sind zumindest skeptisch. Die Regierung von US-Präsident Barack Obama, bereits belastet mit den beiden Kriegen im Irak und in Afghanistan, zeigt bislang wenig Neigung, sich militärisch in einem dritten islamischen Land zu engagieren.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) äußerte sich gestern noch einmal ablehnend gegenüber einer Flugverbotszone. "Wir wollen und dürfen nicht Kriegspartei in einem Bürgerkrieg in Nordafrika werden", sagte Westerwelle in einer Regierungserklärung. Ein militärisches Engagement des Westens in Libyen werfe mehr Fragen auf, als es beantworte. Zugleich wies Westerwelle das Angebot Gaddafis zurück, Deutschland möglicherweise Wirtschaftsaufträge zuzuschanzen. Die "vergifteten Freundlichkeiten des Diktators" änderten nichts an der Forderung, dass Gaddafi gehen müsse, sagte der Außenminister. Die Alternative zur Flugverbotszone sei im Übrigen nicht Tatenlosigkeit, der internationale Druck auf den Machthaber müsse weiter erhöht werden.

Gaddafis Sohn Saif al-Islam tönte derweil in einem Interview mit dem Sender Euronews, die regimetreuen Truppen stünden kurz davor, die Kontrolle über ganz Libyen zurückzugewinnen. "In 48 Stunden ist alles vorbei", sagte al-Islam. Die Offensive gegen die Aufständischen, die er "Verräter" nannte, sei so gut wie gewonnen. Den französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, der Bombenangriffe auf libysche Militäranlagen gefordert hatte, nannte er einen "Clown", dessen Wahlkampf von Libyen finanziert worden sei. Frankreich, Großbritannien und auch die USA wollten nur die libyschen Ölvorkommen ausbeuten. Saif al-Islam, der noch als "seriösester" der Gaddafi-Söhne gilt und wohl deswegen für das Regime sprechen darf - obwohl er keine Regierungsposition bekleidet -, steht unter Verdacht, er habe seine Doktorarbeit an der renommierten London School of Economics von einem Ghostwriter verfassen lassen.

Die Truppen Gaddafis gingen indessen mit großer Härte gegen die Rebellen in der Stadt Adschdabija vor. Die Aufständischen wehrten sich mit Panzerabwehrwaffen und raketengetriebenen Granaten, mussten ihre Stellungen offenbar aber zurücknehmen. Auf einer Website der Rebellen hieß es dagegen, sie hätten mit einem erbeuteten alten MiG-23-Kampfjet und einem Hubschrauber ein Kriegsschiff der Marine getroffen, das von See aus Adschdabija bombardiert habe.

Artillerie und Panzer der Armee beschossen die 140 000-Einwohner-Stadt pausenlos, viele Einwohner sind auf der Flucht. Adschdabija ist das letzte größere Hindernis für Gaddafis Truppen auf dem Weg nach Bengasi, das rund 140 Kilometer nördlich liegt. Nach Behauptung von Saif al-Islam stehe nun der Sturm auf die Rebellen-Hochburg im Osten Libyens kurz bevor.

Gaddafi selber hatte am Vortag in einer Fernsehansprache zu der Revolte in seinem Land gesagt: "Wenn es sich um ein ausländisches Komplott handelt, werden wir es zerschmettern, und wenn es sich um ein Komplott im Inland handelt, dann werden wir es auch zerschmettern."