Orient

Handgranate auf Demonstranten im Jemen geworfen

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Die arabische Welt kämpft weiter gegen ihre Autokraten. In Bahrain antworten die Herrscher mit Panzer und Soldaten in der Hauptstadt.

Ein Unbekannter hat am Freitag Augenzeugen zufolge eine Handgranate in eime Menge demonstrierender Regierungsgegner in der jemenitischen Stadt Tais geworfen. Acht Menschen seien verletzt worden, berichteten Zeugen. Mehrere Rettungswagen fuhren zum zentralen Hurrija-Platz in Tais, wo zehntausende Gegner und Anhänger von Präsident Ali Abdullah Saleh demonstrierten. Tais liegt rund 200 Kilometer südlich der Hauptstadt Sanaa. Im Jemen versuchen Oppositionsgruppen wie in anderen arabischen Ländern nach ägyptischen Vorbild die autokratische Regierung zu stürzen.

Nach blutigen Zusammenstößen mit Dutzenden Toten gehen die Proteste in der arabischen Welt weiter. Allein im Golfstaat Bahrain versammelten sich rund 15.000 Menschen zu „Märtyrer-Begräbnissen“ – der Beisetzung von drei getöteten Demonstranten. Gleichzeitig formierten sich in der Hauptstadt Manama zwei kleinere Demonstrationszüge von Regimegegnern und Anhängern des Königshauses. Auch in Libyen wurden neue Proteste gegen Staatschef Muammar al-Gaddafi erwartet.

Bundespräsident Christian Wulff sagte einen für Ende des Monats geplanten Besuch in Bahrain ab. In der bahrainischen Hauptstadt Manama war eine weitere Trauerfeier für einen vierten Toten am Nachmittag geplant. Er war ebenfalls ums Leben gekommen, als die Sicherheitskräfte in der Nacht zum Donnerstag das Lager der zumeist schlafenden Demonstranten auf dem zentralen Lulu-Platz in Manama stürmten. In Manama sind inzwischen Panzer aufgefahren, auf dem Platz sind Soldaten im Einsatz, die neue Proteste verhindern sollen. Die anderen Golfmonarchien stärkten König Hamad bin Issa al-Chalifa bei einem Außenministertreffen in Manama den Rücken. Sie erklärten, die Staaten des Golfkooperationsrates (GCC) seien alle bereit, Mitgliedstaaten zu unterstützen, wenn deren „Sicherheit und Stabilität“ gefährdet sei. Zum GCCgehören Bahrain, Saudi-Arabien, Kuwait, Oman, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar.

US-Außenministerin Hillary Clinton zeigte sich „tief besorgt“ über die Lage in Bahrain. Die USA verurteilten Gewalt gegen Demonstranten und unterstützten demokratische Reformen, sagte sie in Washington. Sie habe das Vorgehen der Sicherheitskräfte auch in einem Telefongespräch mit ihrem Amtskollegen, Chalid al-Chalifa, kritisiert. Bei Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten waren laut Augenzeugen und Oppositionellen fünf Menschen ums Leben gekommen, mehr als 220 Menschen wurden verletzt. Bahrain ist strategisch wichtig für die USA: Das kleine Königreich ist ein enger Verbündeter Amerikas in der Golfregion und Hauptquartier der 5. US-Flotte.

Allein in Libyen waren nach Angaben aus Oppositionskreisen am Vortag landesweit etwa 45 Menschen von den Sicherheitskräften getötet worden. Auf Amateurvideos, die von Demonstranten ins Netz gestellt wurden, waren mehrere Leichen junger Männer zu sehen. Andere Aufnahmen zeigten Hunderte Demonstranten, die in der Mittelmeerstadt Tobruk ein Denkmal für das von Gaddafi verfasste „Grüne Buch“ niederrissen, in dem der Revolutionsführer einst sein politisches Programm formuliert hatte. Gaddafi will nun einen seiner Söhne ins Zentrum des Aufstandes schicken. Die libysche Zeitung „Al-Watan“ meldete, Al-Saadi al-Gaddafi (37), der international bisher vor allem als Spieler bei italienischen Fußballvereinen aufgefallen war, solle nach Bengasi im Osten des Landes umziehen, um dort einen Aktionsplan zur Verbesserung der Infrastruktur umzusetzen.

Regierungsfeindliche Demonstranten in Libyen haben nach Darstellung von zwei Exilgruppen die Kontrolle in der Stadt Al-Baida im Osten des Landes übernommen. Einige Polizisten hätten sich auf die Seite der Protestierenden geschlagen, teilten zwei Gruppen mit. „Al-Baida ist in der Hand des Volkes“, sagte ein Sprecher der Gruppe „Libysche Menschenrechtssolidarität“. Die Gruppe „Libysches Komitee für Wahrheit und Gerechtigkeit„ bestätigte die Darstellung. Beide Gruppen beriefen sich auf telefonische Kontakte in die 250.000 Einwohner zählende Stadt. Ein unabhängige Bestätigung gab es nicht.

In Kairo versammelten sich tausende Menschen auf dem Tahrir-Platz im Zentrum zu einem „Freitag des Sieges“. Eine Woche nach dem Rücktritt von Präsident Husni Mubarak folgten sie einem Aufruf der Demokratiebewegung. Augenzeugen berichteten von einer entspannten und fröhlichen Stimmung. „Wir wollen den Druck auf das Militär aufrechterhalten“, sagte ein Aktivist der Nachrichtenagentur dpa. Seit dem Rücktritt von Mubarak am Freitag vor einer Woche regiert in Ägypten das Oberkommando der Streitkräfte. Mehrere ehemalige Minister wurden festgenommen, darunter Ex-Innenminister Habib al-Adli, und sitzen nun in Untersuchungshaft. Die USA bieten Ägypten 150 Millionen Dollar (110 Millionen Euro) Soforthilfe. Amerika stehe bereit, Ägypten bei demokratischen Reformen und bei der wirtschaftlichen Erholung zu unterstützen, sagte Außenministerin Clinton in Washington. Die USA hatten Ägypten in der Ära Mubarak jährlich mit Milliarden Dollar unterstützt. Besonders das Militär erhielt hohe Beträge aus Washington.

Der Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Ernst Uhrlau, befürchtet Rückschläge beim Demokratieprozess in den arabischen Ländern. Überzogene Erwartungen der Menschen könnten diesen Prozess gefährden, sagte er in einem Interview der Tageszeitung „Die Welt“. „In Tunesien, aber auch in Ägypten, ist die Lage überaus fragil“, sagte Uhrlau der Zeitung. „Leider sind die Erwartungen vieler Menschen in Tunesien schon jetzt nicht mehr realistisch“, so Uhrlau. Tausende flüchteten nach Europa, weil sie zwar gut ausgebildet seien, zu Hause aber keine Arbeit fänden. (dpa/reuters/AFP)