Obama will bis 2014 raus aus Afghanistan

Regierung in Washington legt konkreten Plan für gestaffelten Rückzug der US-Truppen vom Hindukusch vor. Streit mit Präsident Karsai eskaliert

Hamburg/Washington. Inmitten eines eskalierenden Streits zwischen den Regierungen in Kabul und Washington hat US-Präsident Barack Obama den bislang konkretesten Plan für einen Rückzug der amerikanischen Truppen aus Afghanistan vorgelegt. Danach wollen die Amerikaner innerhalb der kommenden 18 bis 24 Monate ihre Kampftruppen aus ausgewählten afghanischen Regionen zurückziehen. Bis Ende 2014 sollen dann alle US-Kampftruppen vom Hindukusch abgezogen sein - allerdings gilt es als sehr wahrscheinlich, dass noch Tausende amerikanische Soldaten zu Ausbildungszwecken in Afghanistan verbleiben werden. Wie die "New York Times" schrieb, dürften dann weitere amerikanische oder Nato-Einheiten "hinter dem Horizont" in Reserve gehalten werden, um eingreifen zu können, falls das Land einer gefährlichen Destabilisierung anheimfällt. Derzeit sind allein mehr als 100 000 US-Soldaten am Hindukusch.

Vorbild des Rückzugsplans ist das Vorgehen im Irak. Dort hatte der damalige US-Oberkommandeur General David Petraeus - der jetzt in Afghanistan das Kommando hat - eine massive Verstärkung der Kampftruppen angeordnet, um nach erfolgreicher Bekämpfung der Aufständischen die Truppen wieder abziehen zu können.

Inzwischen hat sich die Sicherheitslage im Irak jedoch wieder verschärft; und ob das Rezept auch in Afghanistan auf Dauer funktioniert, ist unsicher. Die ethnische Zersplitterung und die ausgeprägten Stammestraditionen in Afghanistan mit ständig wechselnden Loyalitäten schaffen dort völlig andere Voraussetzungen.

Die durch die jüngsten Kongresswahlen gestärkten Republikaner hatten bereits die ursprüngliche Ankündigung Obamas, ab Juli 2011 vom Hindukusch abzuziehen, scharf kritisiert, da sie die Taliban und al-Qaida zusätzlich zu Angriffen ermutige. Zum neuen Abzugsplan sagte der republikanische Senator John McCain, Obamas unterlegener Rivale bei den Präsidentschaftswahlen 2008, im US-Sender NBC: "So führt man doch keinen Krieg. Man gewinnt erst einmal und dann zieht man ab. Und das haben wir im Irak getan." Dass die Obama-Administration diesen Plan jetzt an die Presse durchsickern ließ, hat offensichtlich mit dem umstrittenen Vorstoß des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai zu tun.

Karsai hatte die Regierung und das Militär der USA am Wochenende in der "Washington Post" dazu aufgefordert, die Operationen ihrer Bodentruppen zu reduzieren, vor allem ihre Nachtangriffe auf mutmaßliche Terroristen einzustellen, insgesamt weniger "sichtbar" im Lande aufzutreten, weitgehend in ihren Stützpunkten zu bleiben und die Truppen bereits vom nächsten Jahr an abzuziehen. "Die Zeit ist gekommen, die Anzahl der Stiefel auf dem Boden zu reduzieren", hatte Karsai gesagt. In jüngster Zeit hatten US-Spezialeinheiten ihre Jagd auf Aufständische massiv ausgeweitet und sechsmal so viele mutmaßliche Terroristen getötet oder gefangen genommen wie vor der Umsetzung der Petraeus-Strategie. Allerdings kam es vor allem bei den Nachtangriffen häufig zu zivilen Todesopfern.

Wie amerikanische und afghanische Regierungsbeamte dem US-Sender CBS sagten, habe Petraeus "erstaunt und enttäuscht" auf Karsais Vorstoß reagiert und er habe den afghanischen Präsidenten eindringlich gewarnt, dass er damit Fortschritte gefährde und auch seine, Petraeus' Position, unhaltbar mache. "Karsai steht jetzt zu dem, was den Kern unserer Strategie ausmacht, um 180 Grad gedreht", klagte ein Nato-Offizieller. Und fügte hinzu: "Es ist ziemlich klar, dass die USA keinen verlässlichen Partner mehr in Kabul haben. Die Räder werden lockerer und lockerer." Der Streit zwischen Washington und Kabul hatte sich im Sommer bereits zugespitzt, als Karsai den USA untersagte, gegen die Korruption in seiner Regierung vorzugehen, und einen seiner Mitarbeiter aus dem Gefängnis befreite, der der Korruption beschuldigt wurde.