Kim Jong-un als Kim Jong-ils Nachfolger?

Nordkoreas Dynastie regelt die Erbfolge

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Kim Jong-ils jüngster Sohn Kim Jong-un soll offenbar auf historischem Parteitag Ende des Monats zum Nachfolger aufgebaut werden.

Hamburg/Seoul. Er soll mittelgroß sein, 27 oder 28 Jahre alt, leicht übergewichtig, an Diabetes leiden, eine Ausbildung in der Schweiz genossen haben und den belgischen Action-Star Jean-Claude van Damme bewundern. Sehr viel ist es eben nicht, was im Westen an Privatem über den jungen Nordkoreaner Kim Jong-un bekannt ist.

Das könnte sich bald gründlich ändern. Denn Kim Jong-un ist der dritte und jüngste Sohn des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-il - und nach gewissen Anzeichen, die aus dem abgeschotteten Land dringen, möglicherweise auch sein Nachfolger.

Für den 28. September hat die kommunistische Führung eine als "historisch" bezeichnete Delegiertenversammlung der regierenden Arbeiterpartei angesetzt. Es wäre die größte Konferenz dieses Gremiums seit 30 Jahren. Sie war eigentlich für den Monatsanfang geplant gewesen, dann aber plötzlich verschoben worden. Man nimmt an, dass dies mit der stark angegriffenen Gesundheit des 68-jährigen Kim Jong-il zusammenhängt.

Kim hatte im August 2008 offenbar einen schweren Schlaganfall erlitten; zudem soll er an Diabetes, einer Nierenerkrankung und möglicherweise sogar Bauchspeicheldrüsenkrebs leiden. An den wenigen offiziellen Fotos des vergangenen Jahres ist ein Verfall deutlich abzulesen. Offenbar will Kim sein Erbe rechtzeitig regeln. Er selber war auf der bislang letzten Delegiertenkonferenz 1980 als Nachfolger seines Vaters Kim Il-sung vorgestellt worden.

Experten gehen davon aus, dass Kim Jong-ils jüngster Sohn, der gegenwärtig Chef des nordkoreanischen Geheimdienstes ist, auf dem Parteitag ein weiteres hohes Amt erhält oder zumindest den Delegierten in herausragender Weise vorgestellt wird. Sein Geburtstag wurde im vergangenen Jahr bereits als Feiertag in Nordkorea festgelegt. Auch Kim Jong-ils kürzliche Staatsvisite in China im August wird unter dem Nachfolge-Aspekt betrachtet - Nordkorea hat außer China praktisch keine Verbündeten oder Freunde. Das Wohlwollen Pekings auch für einen neuen Machthaber aus der Kim-Familie ist für Pjöngjang daher von größter Bedeutung. "Das Regime ist bei der Nachfolgeregelung zu einer endgültigen Entscheidung gekommen", sagte Yang Mono-jin, Professor für Nordkorea-Studien, dem US-Sender ABC News. Ohne den Schutz Kim Jong-ils könnte der junge, politisch völlig unerfahrene Kim Jong-un allerdings rasch den Machtansprüchen anderer Mitglieder des Partei- und Militärapparates erliegen. Die Frage ist zudem grundsätzlich, wie lange das ausgelaugte Volk die Diktatur überhaupt noch ertragen kann.

Das bitterarme Nordkorea, das sich eine riesige Armee von mehr als einer Million Soldaten sowie ein Atomwaffenprogramm leistet, während Millionen Menschen hungern, hat eine absolut regierende Herrscherdynastie. Staatsgründer Kim Il-sung, der "Große und Ewige Führer", der das Land zwischen 1947 und 1994 beherrschte, wurde nach seinem Tod von Kim Jong-il, dem "Geliebten Führer", im Amt beerbt. Um Nordkoreas Führer wird ein bizarrer, ins Pseudoreligiöse spielender Personenkult getrieben. So wird berichtet, Kim Jong-ils Geburt sei von einem neuen Stern angekündigt worden - eine unübersehbare Parallele zu christlichen Erlöser-Traditionen.

Kim Jong-il gilt als Lebemann, ist in vierter Ehe verheiratet und hat vier eheliche Kinder - die Tochter Kim Yong-suk und die Söhne Kim Jong-nam, Kim Jong-chol und Kim Jong-un. Der ursprünglich als Erbe vorgesehene Kim Jong-nam fiel in Ungnade, als er sich 2001 mit falschen Papieren in die Dominikanische Republik absetzte und später in Macao ein Luxusleben führte. Seit 2007 ist er wieder in Nordkorea und soll ein Parteiamt innehaben.

Von Interesse wird auch sein, ob Kim Jong-ils einzige Schwester Kim Kyong-hui weiter die Karriereleiter emporklimmen wird. Derzeit leitet sie eine Parteiabteilung, die zuständig ist für die Leichtindustrie. Ihr Mann Yang Sok-thaek wurde zum Vizevorsitzenden der mächtigen Nationalen Verteidigungskommission befördert, deren Chef Kim Jong-il selber ist.

Nach südkoreanischen Geheimdienstberichten soll Kim Jong-un bereits mit den Titeln "Junger General" und "Unser Befehlshaber" geehrt werden. Nach Angaben des früheren US-Präsidenten Jimmy Carter, der kürzlich mit dem chinesischen Premierminister Wen Jiabao über das Thema Nordkorea gesprochen hat, soll Kim Jong-il die Berichte über die Nachfolgeregelung allerdings unwirsch als "unwahre westliche Gerüchte" zurückgewiesen haben. Carter hatte im August in Pjöngjang einen inhaftierten Amerikaner aus nordkoreanischer Haft geholt.