Dnipropetrowsk

Bomben erschüttern die Ukraine und schüren Sorge um EM

Berliner Ärzte sind besorgt um die Gesundheit von Oppositionsführerin Timoschenko. Bundesregierung erhöht Druck auf das Land.

Warschau/Berlin. Während Polen und die Ukraine sich auf die Fußball-EM im Juni vorbereiten, wurde die ukrainische Millionenstadt Dnipropetrowsk am Freitag von Explosionen erschüttert. An vier Orten in der Stadt wurden nach ukrainischen Fernsehberichten 29 Personen verletzt, 26 von ihnen mussten in Krankenhäuser eingeliefert werden. Eine Amputation musste vorgenommen werden. Der erste Sprengsatz sei in einem Papierkorb nahe einer Straßenbahnhaltestelle versteckt gewesen, sagte eine Sprecherin des Ministeriums für Katastrophenschutz. Die zweite Explosion ereignete sich in der Nähe eines Kinos, die dritte in der Nähe eines Parks.

Sicherheitskräfte sperrten wichtige Straßen in der Stadt. Es gelang ihnen später, eine weitere Sprengladung unschädlich zu machen. Staatspräsident Viktor Janukowitsch sagte, die Anschläge seien "eine weitere Herausforderung für uns, für das ganze Land", und versprach, "die besten Ermittler" würden bei dem Fall eingesetzt. "Wir werden darüber nachdenken, wie wir darauf angemessen antworten können."

Auch am Tag nach der Absage eines Staatsbesuches von Bundespräsident Joachim Gauck machte die Bundesregierung weiter Druck und forderte die ukrainische Führung zu schnellem Handeln im Fall Timoschenko auf. "Es kann hier kein Spiel auf Zeit geben von der ukrainischen Regierung", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert mit Blick auf den Gesundheitszustand der Oppositionspolitikerin Julia Timoschenkos. Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ weiter offen, ob sie zur EM in die Ukraine reisen werde. Auf NDR Info bekräftigte sie die Forderung nach einer Behandlung Timoschenkos in Deutschland. "Darum bemüht sich das Auswärtige Amt, und darum bemüht sich auch das Kanzleramt."

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag brachte einen Boykott der Fußball-EM durch Spitzenpolitiker ins Spiel. Sollte sich die Lage von Timoschenko nicht verbessern, müsse jeder überlegen, ob er eine Einladung annehme und so tue, als wäre nichts, sagte der CDU-Politiker Ruprecht Polenz in der ARD. Der menschenrechtspolitische Sprecher der Grünen, Volker Beck, forderte von Bundeskanzlerin Angela Merkel "Farbe bekennen" und bei einem Besuch in der Ukraine Julia Timoschenko im Gefängnis zu besuchen und sich nicht neben Janukowitsch auf eine Tribüne zu setzen. Einen totalen politischen Boykott der Ukraine während der Fußball-EM hält Beck jedoch für politisch unklug.

+++ Bundespräsident Gauck erhöht den Druck auf die Ukraine +++

+++ Bombenserie in Ukraine schürt Sorge um EM +++

Der Präsident des europäischen Fußballverbandes Uefa, Michel Platini, verteidigte die Vergabe der EM an die Ukraine. Er sagte der "Welt": "Als die EM 2007 vergeben wurde, war Julia Timoschenko gerade dabei, an die Regierungsspitze aufzusteigen."

Da das Land keine organisierte politische Gewalt kennt, wagte sich zunächst kaum jemand mit Hypothesen hervor. Einen Zusammenhang zur EM sehen Ermittler nicht. Das Parlament trat zu einer Sondersitzung zusammen.

Timoschenko, die aus Dnipropetrowsk stammt, befand sich am Freitag den achten Tag im Hungerstreik, um gegen ihre Haftbedingungen zu protestieren. Vor einer Woche war sie unter Anwendung von Gewalt zur Untersuchung in ein Krankenhaus gebracht worden. Verurteilt wurde sie wegen angeblichen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Haft. Am Sonnabend soll sie zu einem zweiten Prozess in ein Gerichtsgebäude gebracht werden. Der Umgang mit der Opposition und die gezielt eingesetzte Justiz sind das Haupthindernis bei der Annäherung der Ukraine an die EU.

+++ Leitartikel von Thomas Frankenfeld: Gauck zeigt Haltung +++

+++ Bundesregierung fordert Freilassung Timoschenkos +++

Eine Lösung könnte sein, dass Timoschenko von ausländischen und damit unabhängigen Ärzten behandelt wird. "Seien Sie ein humanitären Werten verpflichteter Präsident und lassen Sie Frau Timoschenko ausreisen", appellierte Professor Karl Max Einhäupl, Chef der Berliner Klinik Charité, an den ukrainischen Staatschef Viktor Janukowitsch. "Wir haben erhebliche Zweifel, dass eine Therapie der Patientin in der Ukraine erfolgreich durchzuführen ist." Einhäupl hält es für notwendig, mit Kollegen binnen sieben Tagen in die Ukraine zu reisen und den akuten Zustand Timoschenkos erneut zu überprüfen. "Sie ist jetzt auch unsere Patientin", sagte Einhäupl. "Frau Timoschenko hat uns gebeten, ihre Behandlung zu übernehmen. Sie hat auf uns einen sehr verzweifelten Eindruck gemacht." Anfang des Jahres hatte sich die Familie Timoschenkos an die Charité gewandt und gebeten, eine Delegation des renommierten Krankenhauses solle in die Ukraine reisen. Im Februar hatten die ukrainischen Behörden erstmals die Untersuchung durch ausländische Mediziner zugelassen. Auf Kosten der Familie war Einhäupl mit seinem Kollegen Norbert Haas, Chef der Orthopädie, in die Ukraine gereist und hatte einen Bandscheibenvorfall diagnostiziert, der nicht behandelt worden war.

Obwohl die frühere Ministerpräsidentin seit ihrer Inhaftierung Anfang Oktober über starke Rückenschmerzen geklagt hatte, war erst drei Monate später ein Kernspin-Gutachten erstellt worden, das den Bandscheibenvorfall bestätigte. "Ob das Vorenthalten einer Therapie eine gezielte Maßnahme war oder mangelnde diagnostische Sicherheit, dazu kann ich mich nicht äußern", sagte Einhäupl. Aber auch nach der Diagnose habe Timoschenko keine optimale Therapie erhalten habe.

Vor zwei Wochen hatten Einhäupl und Haas die Patientin erneut besucht und festgestellt, dass der Bandscheibenvorfall chronisch geworden ist. Außerdem hatten sie die Klinik in Charkow besucht, die die ukrainischen Behörden für eine Therapie vorgesehen hatten. Timoschenko habe die Sorge geäußert, man könne ihr durch Injektionen Schaden zufügen, weshalb sie sich kein Blut abnehmen lasse.

Ein Gericht verurteilte Timoschenko im Oktober 2011 zu einer siebenjährigen Haftstrafe. Ihr Gesundheitszustand ist zum Politikum geworden. Dass die Regierung ihrer Ausreise zustimmt, gilt als unwahrscheinlich.