Attentat von Toulouse

Frankreich ermittelt im rechtsextremen Militärmilieu

Der 24-Jährige Attentäter wurde nach einem Schusswechsel im Stadtteil Croix-Daurade gestellt. Bei Verhandlungen mit der französischen Polizei räumte der Verdächtige Kontakte zum Terrornetzwerk Al Kaida ein. Der Mann soll in Toulouse drei Soldaten sowie drei Schüler und einen Lehrer einer jüdischen Schule getötet haben.

Toulouse. Schüler und Lehrer in ganz Frankreich haben am Dienstag mit einer Schweigeminute der Opfer des Anschlags in Toulouse gedacht. Ein Angreifer hatte dort am Montag vor einer jüdischen Schule drei Kinder und einen Rabbiner erschossen und war dann auf einem Motorrad geflüchtet. Staatspräsident Nicolas Sarkozy versprach beim Besuch einer Schule in Paris, der Täter werde ausfindig gemacht. Zuvor hatte er für die Region um Toulouse die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen. Hunderte Polizisten beteiligten sich an der Fahndung nach dem Täter.

Bei ihm könnte es sich um einen rassistischen und antisemitischen Serienmörder handeln. Der Täter wird auch mit zwei Mordanschlägen in der vergangenen Woche auf drei französische Fallschirmjäger in Zusammenhang gebracht, die aus Nordafrika und der französischen Karibik stammten.

Die Ermittlungen zu dem Angriff auf die jüdische Schule und die Soldaten kommen offenbar nur schleppend voran. Innenminister Claude Guéant räumte ein, die Behörden seien noch nicht kurz vor einer Verhaftung. Zum mutmaßlichen Profil des Verdächtigen sagte er, es handle sich um jemanden, der „sehr kalt und sehr entschlossen“ sei, der große Kontrolle über seine Bewegungen habe und sehr grausam sei.

Während der Schüsse in Toulouse habe er offenbar eine Art Kamera um den Hals getragen und seinen Angriff möglicherweise gefilmt. Die Behörden durchsuchten deshalb das Internet nach einem entsprechenden Video. Bisher seien jedoch keine Spuren entdeckt worden, hieß es.

Ins Zentrum der Ermittlungen rückten am Dienstag drei Fallschirmjäger, die 2008 wegen Verdachts auf rechtsextreme Gesinnung aus ihrem Regiment in der Nähe von Toulouse entlassen wurden, wie aus Polizeikreisen verlautete. Der Täter war bei dem Angriff am Montag offenbar sehr erfahren mit den großkalibrigen Waffen umgegangen. Dies legte den Verdacht nahe, dass er militärisch ausgebildet wurde.

Nach den Angriffen auf die Fallschirmjäger in der vergangenen Woche sei am Wochenende ein Soldat kurzfristig festgenommen worden, hieß es aus Polizeikreisen. Allerdings befinde er sich wieder auf freiem Fuß. Derzeit werten die Beamte die Onlinekommunikation des ersten Opfers aus. Kurz vor den tödlichen Schüssen auf ihn am 11. März hatte der Soldat im Internet ein Motorrad zum Verkauf angeboten. Die Ermittler wollen nun klären, ob der Täter möglicherweise zum Schein auf das Angebot einging, um den Soldaten zu töten.

Der Anschlag vom Montag schockierte das ganze Land. Es handle sich um den schlimmsten Angriff auf eine Schule in Frankreich überhaupt, sagte Sarkozy am Montagabend. 14 Einheiten der Bereitschaftspolizei sicherten die Region rund um Toulouse, solange der Verdächtige auf der Flucht sei. Beim Besuch einer Schule in Paris mahnte er am Dienstag, der Angriff hätte auch dort passieren können. „Diese Kinder waren genau wie ihr.“ Jüdische Schulen in Paris wurden von der Polizei bewacht.

„Es gibt Leute, die haben keinen Respekt vor dem Leben“, sagte Sarkozy. „Wenn du einem kleinen Mädchen in den Kopf schießt, ohne ihr eine Chance zu geben, bist du ein Monster. Ein antisemitisches Monster, aber vor allem ein Monster.“

Bei den tödlichen Schüssen, die Kinder im Alter von vier, fünf und sieben Jahren trafen, wurde nach Angaben der französischen Polizei dieselbe Waffe benutzt wie bei den zwei Anschlägen auf die Soldaten in der vergangenen Woche. Der Angreifer habe am Montag 15 Schüsse abgefeuert, sagte ein Polizeibeamter. In der vergangenen Woche hatte ein Unbekannter in Toulouse einen Fallschirmjäger erschossen. Bei einem weiteren Anschlag wurden im nahe gelegenen Montauban zwei Fallschirmjäger getötet und ein weiterer schwer verletzt. Wie am Montag flüchtete der Täter auf einem Motorrad.

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton bemühte sich nach umstrittenen Äußerungen zum Drama an der jüdischen Schule in Toulouse um Schadensbegrenzung. Es habe sich bei ihren Aussagen „nicht um einen Vergleich gehandelt“, ließ sie ihren Sprecher am Dienstag klarstellen. Ashton hatte die Ereignisse in Toulouse im selben Atemzug mit dem Leiden der Kinder in Gaza genannt. Der israelische Außenminister Avigdor Lieberman kritisierte ihre Worte als „unangemessen“ und forderte sie zu einer Rücknahme auf. Volker Beck von den Grünen warf Ashton einen „antisemitischen Reflex“ vor.

Die europäische Chefdiplomatin hatte am Montag in Brüssel vor palästinensischen Jugendlichen daran erinnert, wo überall Kinder „unter schrecklichen Umständen getötet wurden“. Sie nannte das Schweizer Busunglück aus der vergangenen Woche und fuhr fort: „Wenn wir daran denken, was heute in Toulouse passiert ist, was vor einem Jahr in Norwegen geschah, wenn wir wissen, was in Syrien geschieht, und wenn wir sehen, was in Gaza und anderen Teilen der Welt passiert - dann erinnern wir uns an Kinder und Jugendliche, die ihr Leben verlieren“.