Notstand nach Erdbeben

Geflohene Häftlinge verbreiten in Haiti Angst und Schrecken

Lesedauer: 3 Minuten

Port-au-Prince. Frauen in Haiti werden nach dem verheerenden Erdbeben zunehmend Opfer von Gewalt. Vor allem aus Gefängnissen geflohene Kriminelle belästigten und vergewaltigten Frauen und Mädchen, die in Zeltlagern Zuflucht gesucht hätten, sagte der haitianische Polizeichef Mario Andrésol.

Andrésol machte rund 7000 verurteilte Kriminelle für die Zunahme der Gewalt verantwortlich, die nach dem Erdbeben aus zerstörten Gefängnissen entkommen waren. "Wir haben fünf Jahre gebraucht, um sie zu fassen, und heute laufen sie frei herum und werden uns Probleme bereiten." Weil es keinen Strom gebe, würden Frauen und Mädchen in den notdürftig eingerichteten Zeltlagern oft nach Einbruch der Dunkelheit Opfer von Gewalttaten, sagte der Polizeichef. Offizielle Zahlen zu den Opfern gibt es nicht, Frauenorganisationen in der Hauptstadt Port-au-Prince alarmierten allerdings bereits die Vereinten Nationen.

Bislang gingen nach Uno-Angaben 2,02 Milliarden Dollar (1,45 Milliarden Euro) an Hilfszusagen für Haiti ein oder wurden versprochen. Größter Spender sind die USA (107 Millionen Dollar) gefolgt von Kanada (57 Millionen), privaten Organisationen und Personen (54 Millionen) und Saudi-Arabien (50 Millionen). Deutschland steht mit 5,8 Millionen Dollar an die Uno-Hilfswerke an 13. Stelle. Bei den privaten Spenden zeigen sich die Deutschen weiterhin äußerst spendabel. Bisher gingen 97 Millionen Euro für Haiti bei den Hilfsorganisationen ein. Anja Trögner, Fundraiserin der Aktion "Deutschland hilft": "Die Hilfsbereitschaft in Deutschland ist begeisternd." Vor allem die Anteilnahme unter Kindern und Schulklassen sei "extrem hoch".

Bei den Erdstößen am 12. Januar kamen mehr als 170 000 Menschen ums Leben. Der stellvertretende Uno-Sondergesandte Paul Farmer sagte, 75 Prozent von Port-au-Prince seien zerstört worden. Das Ausmaß der Katastrophe sei so groß, dass "wir die beste internationale Mannschaft brauchen, um das Problem mit den Haitianern anzugehen".

In Haiti wächst die Kritik an der geringen Präsenz von Staatsvertretern, besonders von Präsident René Preval. "Der Staat ist geschwächt, quasi inexistent", schrieb die bischöfliche Kommission Gerechtigkeit und Frieden der katholischen Kirche in einem offenen Brief an Premier Bellerive. Es fehle ein öffentliches Wort der Autorität, des Mitgefühls und der Ermutigung. Dabei müsse gerade jetzt der Grundstein für ein erneuertes und gerechteres Haiti gelegt werden. Menschenrechtsorganisationen bemängelten auch die Abwesenheit des Staates außerhalb des Katastrophengebietes. "Die Unfähigkeit des Staates, die Krise zu bewältigen, macht sich selbst in den Regionen bemerkbar, die nicht vom Erdbeben zerstört wurden. Schulen, Justiz und öffentliche Verwaltung funktionieren im gesamten Land nicht", klagte ein nationaler Dachverband. Nach der Beobachtung von Hilfsorganisationen verlassen immer mehr Überlebende Port-au-Prince und suchen Zuflucht in den ländlichen Gebieten. In den USA rief die Tageszeitung "Washington Post" die US-Regierung dazu auf, ihre Grenzen für Flüchtlinge aus Haiti weiter zu öffnen. Derzeit warten 74 000 Haitianer auf eine Einreisegenehmigung. Die USA erteilten nach dem Erdbeben allen im Land lebenden Haitianern, darunter auch denen ohne gültige Papiere, eine pauschale 18-monatige Aufenthaltsbewilligung.

( HA )