Reportage aus Island

Im Land der zerstörten Träume

| Lesedauer: 11 Minuten
Kathrin Fichtel

Kaum hatten sich die Isländer in ihrem neuen Wohlstand eingerichtet, riss die Krise sie erbarmungslos hinab. Doch in seiner Not erinnert sich das Volk der Unerschrockenheit seiner Wikinger-Ahnen.

Das Baby tritt und strampelt in Ellens Bauch. Vielleicht spürt es die Sorgen seiner Mutter. Es wurde im Oktober gezeugt, in jenen Tagen, als die Schockwellen der Finanzkrise Island überrollten. Sechs Monate sind seitdem vergangen, der Fötus ist gewachsen und das Leben seiner Eltern ist wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. So wie das von Tausenden Familien in Island.

Ellen Valgerdardóttir sitzt in ihrem Wohnzimmer und streichelt ihren runden Bauch. Die 90-Quadratmeter-Wohnung am Rande der Hauptstadt Reykjavik ist liebevoll eingerichtet, bunte Zeichnungen der vier älteren Kinder hängen über Ikea-Kommoden. Das Baby in Ellens Bauch wird seine Bilder wohl nie an diese Wände hängen. Seine Eltern wollen der Wirtschaftskrise und dem drohenden Staatsbankrott entfliehen. "Wir überlegen, unsere Kredite hier nicht länger zu bedienen und nach Dänemark zu ziehen", sagt Ellens Lebensgefährte Ragnar Sigurbjörnsson. "Wir haben mehr Schulden, als wir in unserem Leben zurückzahlen können."

Dabei hat die Familie am Konsumrausch des isländischen Mittelstandes, geschweige denn der Elite, nie teilgenommen. Keine Auslandsreisen, keine Shoppingexzesse, keine Champagnerpartys, kein Zweitwohnsitz in Südafrika. Aber ein Eigenheim mit Geländewagen vor der Tür haben sie sich geleistet, auf Kredit, wie üblich. Der Wohnungskauf ist in Island nahezu obligatorisch - 85 Prozent des Marktes bestehen aus Eigentum. Auch der Jeep ist hilfreich in einem Land, in dem die Straßen monatelang vereist sind oder über Vulkangestein führen. Fatal hingegen ist, dass die Kredite den Wert von Wohnung und Auto mittlerweile weit übersteigen: Sowohl Schulden als auch Renten sind in Island an die Inflation gekoppelt. Sie wachsen dementsprechend mit, ebenso wie die Zinsen. Durch die extreme Staatsverschuldung, den Einbruch der isländischen Krone und die Inflation von 15 Prozent hat sich Ellens 15-Millionen-Kronen-Kredit (damals rund 170 000 Euro) seit Oktober verdoppelt - der Wert der Wohnung ist hingegen auf 20 Millionen Kronen abgestürzt (70 000 Euro). "Wie sollen wir solche Summen tilgen?", fragt sich Ragnar. Sein Gehalt ist seit Januar halbiert, Ellen arbeitet jetzt am Wochenende an der Tankstelle, zusätzlich zu ihrem Vollzeitjob als Erzieherin. Ihr Baby soll einen Namen bekommen, der auch in Dänemark aussprechbar ist. Die Schulden wandern zwar mit, aber dort gäbe es wenigstens sichere Jobs, hofft das Paar.

Auch die Arbeitslosigkeit ist explodiert, von unter einem auf neun Prozent, Tendenz steigend. Ein Zehntel der 320 000 Isländer könnte deshalb auswandern, befürchtet die Unternehmerin Halla Tomasdóttir. Sie ist eine der weiblichen Führungsfiguren, die durch die Krise ins Rampenlicht treten. Die Menschen hoffen, dass Frauen wie sie und die neue Premierministerin Johanna Sigurdardóttir den Weg aus der Krise weisen. Hallas Firma, Audur Capital, hat 2008 als eine der wenigen im isländischen Finanzsektor Gewinne gemacht. Das Bürohaus aus Holz und Stein steht am Rande der isländischen Wall Street, von hier haben die Banken Kaupthing, Glitnir und Landsbanki im Größenwahn Milliardenwerte von Anlegern weltweit vernichtet - und fast auch sich selbst. Weiter Richtung Hafen warten Apartmenthäuser mit Glasfassaden auf solvente Käufer und der Rohbau der neuen Konzerthalle auf frisches Geld für die Fertigstellung. Einst war sie Symbol für den Aufstieg der Fischerstadt Reykjavik, heute heißt sie im Volksmund "Wahrzeichen der zerstörten Träume".

Dass der isländische Traum zu Ende ging, erstaunt Halla Tomasdóttir nicht. Schon 2007, damals noch als Direktorin der Handelskammer, hat sie vor dem Platzen der Kreditblase gewarnt. Genützt hat es wenig, zu gut hatte sich die männerdominierte Elite eingerichtet. Der Crash hat aber auch sein Gutes, findet sie: "Wir können uns jetzt auf unsere kostbaren Ressourcen konzentrieren. So mancher vielversprechende Banker erobert nun die Wirtschaft mit neuen Geschäftsideen - anstatt hohen Boni und Renditen nachzujagen."

So wie Kristjan Davidsson (48), Sohn eines Fischers aus dem Dorf Thingeyri. Bis zu seinem 40. Lebensjahr war Kristjan mit der See verbrüdert, dann lockte ihn das große Geld bei Glitnir. Als Manager verwaltete er sieben Jahre lang Milliardenportfolios. "Eine lehrreiche Zeit", sagt Kristjan heute. Die endete allerdings abrupt. Einen Tag nach der Verstaatlichung war er gefeuert. Seitdem weiß er: Nicht die Banken, sondern die Fische sind Islands Zukunft. Von Reykjavik aus berät Kristjan heute mit zwei weiteren Ex-Bankern Firmen, die in die florierende Fischindustrie einsteigen wollen. Diese sieht auch Halla Tomasdóttir als Islands großes Potenzial. Außerdem: die natürlichen Energiequellen, der hohe Bildungsstandard, die Flexibilität des kleinen Landes. Vor allem aber der Kampfgeist der Inselbewohner. "Wären wir nicht so widerstandsfähig, hätte unser Volk in diesem unwirtlichen Land nicht 1000 Jahre überleben können."

Der Blick aus dem Fenster gibt Halla recht. Ein scharfer Wind fegt an den meisten Tagen über das Land aus Vulkangestein, die Durchschnittstemperaturen liegen zwischen null und zehn Grad. Dreht man den Wasserhahn auf, riecht es nach faulen Eiern; das Wasser kommt automatisch heiß aus der Leitung. Vulkane brechen aus, Dampf steigt aus den heißen Quellen, dabei sind elf Prozent der Insel von Gletschern bedeckt. Es ist ein Land der Gegensätze, ein Faszinosum aus Feuer und Eis.

Gleichsam wie eine Naturgewalt hatte auch der Kapitalismus das Inselvolk erfasst. Der wirtschaftliche Aufstieg kam schnell und extrem. Durch die Privatisierung der Banken im Jahr 2000 konnte das Land mit der kleinsten Währung der Welt für kurze Zeit ganz oben bei internationalen Geldgeschäften mitspielen. Das brachte Island Wohlstand, gigantischen Wachstum - und schließlich, als sich die weltweite Bankenkrise verschärfte, den finanziellen Ruin. Das Bilanzvolumen der drei großen Investmentbanken war kurz vor dem Kollaps zehnmal so groß wie das Bruttoinlandsprodukt. Wie viele Schulden die Nation im Ausland jetzt hat, ist noch gar nicht abzusehen. Aber die Inselbewohner nehmen den Kampf auf. Sie sehen sich als direkte Nachkommen der Wikinger - und das nicht ohne Selbstironie. "Neue Wikinger", so nannten sie ihre aufstrebenden Banker, die die Welt mit Geld statt Speeren erobern wollten.

Eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Prototyp des nordischen Kriegers haben Sveinn und Stefan durchaus. Beide sind Zimmerleute, blond und kräftig. In ihrer Werkstatt im Fischereistädtchen Grindavik stapeln sich Bretter, es riecht nach frischem Holz und Farbe. Im Herbst mussten Sveinn und Stefan die 20 Angestellten ihrer Baufirma entlassen. Der Markt für Häuser ist um 85 Prozent eingebrochen, unzählige Neubauten stehen leer. Sveinn und Stefan haben beide drei Kinder, sie wollen der Pleite entgehen. Deshalb bauen sie jetzt Särge. "Wir haben überlegt, was hier gebraucht wird und was wir bauen können", sagt Stefan. Bislang haben Bestatter fast alle Särge im Ausland gekauft, nun wollen die Freunde mit ihren "ökologischen Särgen", naturbelassenen Eichentruhen, den heimischen Bedarf decken. Und, so traurig es ist, der wächst: Die Zahl der Selbstmorde sei erschreckend gestiegen. Von einem pro Woche berichten die beiden Sargbauer.

Not macht erfinderisch, das stimmt auch oder gerade in Island. "Wir besinnen uns zurück auf unsere alten Werte", sagt Soziologieprofessor Helgi Gunnlaugsson. "Jetzt ist Schluss mit dem Rausch des Geldes, diesem Anhäufen von materiellen Dingen." Die alten Werte kommen in vielen Gestalten daher: Der Verkaufsanteil isländischer Wollpullover ist stark gestiegen. In den leer stehenden Läden in Reykjaviks exklusiven Lagen stellen Künstler ihre Werke aus, bis neue Mieter gefunden sind. Muschelsucher bevölkern die Strände, weil importierte Shrimps unbezahlbar sind. Freunde kochen zusammen, statt in noblen Restaurants zu dinieren. Arbeitslose dürfen kostenlos die Schwimmbäder nutzen, den Ort des sozialen Austauschs in Island.

Statt im Schwimmbad zu lamentieren, würde Thorvaldur Thorvaldsson (51) lieber weiter demonstrieren. Als einer der Ersten war er im Oktober, kurz nach dem Bankenkollaps, auf die Straße gegangen. Mit Töpfen und Pfannen und grenzenloser Wut im Bauch versammelten sich jeden Sonnabend Demonstranten vor dem Parlament. So lange, bis nicht nur der Premier, sondern auch die Chefs von Zentralbank und Finanzaufsicht zurücktraten und die Neuwahlen feststanden.

Thorvaldurs Töpfe und Pfannen liegen jetzt in seiner Garage, auch sein Bett steht dort, seine Bücher, der Fernseher und ein Klavier, auf dem seine Enkelin regelmäßig übt. Eine Küchenzeile und eine Toilette hat Thorvaldur selbst eingebaut, unter der Decke schlängeln sich unverkleidete Kabel. Die Garage ist sein Zuhause, seit er im November seinen Job verlor und die Raten für sein Haus nicht mehr bezahlen konnte. Es ist nun vermietet, nur die Garage ist Thorvaldur geblieben. Theaterbesuche und Konzerte sind gestrichen, der Jeep vor der Tür wartet vergeblich auf Reparatur. Trotzdem, Thorvaldur hat es sich gemütlich gemacht, die Wände leuchten orange, auf 40 Grad kann er die Garage mit der neuen Heizung aufwärmen. Und wenn er sich langweilt, klickt er bei YouTube auf das Video seiner elfjährigen Enkelin, die darin "Für Elise" spielt. Am liebsten würde er sein Haus verkaufen, aber Interessenten sind rar.

"Ich kann vor meinen Schulden nicht fliehen", sagt Thorvaldur und runzelt die Stirn. "Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie es mit mir weitergeht. Ich weiß nur eins: Hier ist nichts mehr unmöglich - im positiven wie im negativen Sinne." Die Töpfe und Pfannen, auf denen Thorvaldur bei den Sonnabenddemonstrationen getrommelt hat, trocknen neben der Spüle. Sie liegen für einen neuen Aufstand bereit. Einen Aufstand für ein neues Island, in dem es auch eine Zukunft für das Baby in Ellens Bauch gibt.

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