Pakistan: Heftige Gefechte um Rote Moschee - Radikale benutzen Frauen als lebende Schutzschilde

Geheimdienst deckt die Kämpfer

Ex-Geheimdienstchef Gul gilt als Chefplaner Bin Ladens. Er will einen Gottesstaat nach Taliban-Vorbild und das Ende Musharrafs.

Hamburg/Islamabad. Explosionen, Gefechte, 30 Tote - pakistanische Zeitungen schreiben von den blutigsten Kämpfen in der Geschichte der Hauptstadt Islamabad. Der Konflikt um die Rote Moschee ist aber nicht nur ein lokal begrenztes Problem, sondern Symptom für eine tiefe gesellschaftliche Krise.

Pakistan, durch die Abspaltung von Britisch-Indien 1947 entstanden, erklärte sich 1956 zum ersten islamischen Staat der Welt. Seine fast 170 Millionen Bürger bekennen sich zu mehr als 93 Prozent zum Islam - und von denen wiederum mehr als 80 Prozent zur orthodoxen Form. Religiöse Minderheiten, ob Hindus oder Christen, werden häufig bedroht, jedes Jahr gibt es Todesopfer. Insgesamt gilt Pakistan als besonders intolerantes Land.

Der gegenwärtige Machthaber, General Pervez Musharraf, gelangte 1999 per Staatsstreich an die Macht und erklärte sich im Jahre 2001 zum Präsidenten. Musharraf, 1943 im indischen Delhi geboren, ist ein Bewunderer von Kemal Atatürk, dem Staatsgründer der säkularen Republik Türkei. Der General, de facto Militärautokrat, liegt in scharfem Konflikt mit den islamistischen Parteien, die einen streng nach der Scharia ausgerichteten Gottesstaat anstreben.

Die Radikalen haben in den mindestens 40 000 Koranschulen des Landes, den Madrassas, in denen häufig ein militanter und fundamentalistischer Islam gelehrt wird, starke Verbündete.

Eine Hauptbastion der Fundamentalisten ist die Lal Masjid, die Rote Moschee in Islamabad, die ihren Namen nach den blutroten Außenwänden des Gebäudes hat. Zeitweise hielten sich dort bis zu 11 000 Koranschüler sowie eine unbekannte Zahl an bewaffneten Wächtern auf. Der Moschee angeschlossen sind zwei nahe Koranschulen, eine für Männer und eine für Frauen.

Der geistliche Führer der Moschee, Maulana Abdul Aziz und sein Bruder Ghazi streben einen fundamentalistischen Gottesstaat nach dem Vorbild der afghanischen Taliban an. Sie hatten damit gedroht, das nahe Regierungsviertel mit Selbstmordattentaten zu verwüsten. Mehrfach hatten Koranschüler Frauen entführt und eingesperrt, denen sie "Prostitution" vorwarfen.

Neu ist die Radikalisierung an der Roten Moschee nicht - Al-Quaida-Chef Osama bin Laden unterhielt enge Kontakte dorthin, auch stellte die Koranschule viele "Heilige Krieger" für den Kampf gegen die sowjetischen Besatzer Afghanistans. Musharraf hatte der Roten Moschee vorgeworfen, Al-Qaida-Terroristen zu beherbergen, mit der Erstürmung gedroht und damit den Funken in ein Pulverfass geworfen. Der pakistanische Präsident, zugleich Oberbefehlshaber der Atommacht und ihrer 600 000 aktiven Soldaten, ist nicht nur wegen der Massenarbeitslosigkeit in den Städten innenpolitisch in einer sehr ungemütlichen Lage.

Nach den Terroranschlägen vom 11.9. 2001 ist Musharraf eine enge sicherheitspolitische Allianz mit den USA eingegangen und hat befohlen, militante Islamisten zu jagen. Dies stößt nicht nur in weiten Teilen der Bevölkerung, sondern vor allem im mächtigen Geheimdienst ISI auf Widerstand. Der "Inter-Services Intelligence" mit seinen 10 000 Mitarbeitern und operativen Agenten gilt als Staat im Staat, der sich dem Versuch einer strikten Kontrolle durch Musharraf entzieht. Teile des ISI stehen gar im Verdacht, den islamistischen Terrorismus und namentlich al-Qaida aktiv zu unterstützen.

Bin Ladens pakistanischer Berater vor dem 11. September soll Generalleutnant Hamid Gul gewesen sein, ein früherer ISI-Chef und Al-Qaida-Bewunderer. Der glühende Musharraf-Feind Gul, der einst die Taliban mit an die Macht gebracht hat, wird nicht müde, 9/11 dem israelischen Geheimdienst Mossad und der US-Regierung anzulasten. Ein hoher CIA-Beamter nannte Gul den "gefährlichsten Mann Pakistans". Und ein führender Politiker Islamabads erklärte im Schutz der Anonymität: "Ich habe Anlass zur Annahme, dass General Gul Chefplaner bin Ladens war."

Musharraf, der schon mehrere Attentatsversuche überlebte, gilt im Westen als Stützpfeiler der labilen staatlichen Ordnung in Pakistan. Manche fürchten, sein möglicher Sturz durch Fundamentalisten könnte den Albtraum einer geheimen Achse der Atommacht Pakistan mit dem Terrornetz al-Qaida heraufbeschwören.