Konflikt: Neue Frontlinien

Die Macht der Familien-Clans in Palästina

Die Akteure im komplizierten Nahost-Gefüge sind nicht nur Hamas, Fatah und Israel . . .

Hamburg. Seit Jahrhunderten bilden sie den Kern arabischer Gesellschaften: die Stämme und Familien-Clans. Das Zerbrechen staatlicher Autorität im Irak und im palästinensischen Autonomiegebiet hat den Clans größeres Gewicht verliehen. "Das gilt fast für den gesamten arabischen Raum", sagt Professor Udo Steinbach, Direktor des GIGA-Instituts für Nahost-Studien, vormals Deutsches Orient-Institut, in Hamburg.

"Clan-Strukturen haben entweder ihre jahrhundertealte Bedeutung behalten - wie in Saudi-Arabien -, oder sie haben sie wiedergewonnen - wie im Irak. Saddam Hussein hatte die Stämme gefördert und nutzte sie als Loyalität-Element. Nun spielen die Clans im Irak eine entscheidende Rolle - übrigens auch in der Auseinandersetzung mit al-Qaida."

Auch in Palästina haben die Familienbande angesichts der zerfallenen staatlichen Strukturen wieder entscheidend an Gewicht gewonnen. Dabei laufen die politischen Präferenzen der Clanmitglieder durchaus auch über Kreuz. "Ich kenne zahlreiche Familien, in denen der eine für Fatah und der andere für Hamas votiert hat", sagt Steinbach.

Die mächtigen palästinensischen Familienclans wie die Husseini, die Nashashibi, die Khalidi oder Budeiri haben traditionell vor allem die eigenen Interessen im Auge, weniger die der Nation. Der Prophet Mohammed betrachtete die Stammesstrukturen als naturgegebene soziale Ordnung - in der Wüste überlebt der Einzelne nicht lange. Zudem boten Clans das personelle Reservoir für den Heiligen Krieg.

Die radikal-islamische Hamas hat die schwerbewaffneten Clan- Milizen in der Vergangenheit unterstützt, stellt aber nun fest, dass die Familien gar nicht daran denken, sich ihr zu unterwerfen. Denn dies würde den profitablen Geschäften mancher Clans zuwiderlaufen, darunter Waffen- und Drogenschmuggel, Auftragsmorde, Erpressung und Entführung.

Eine besonders zwielichtige Rolle im Gazastreifen spielt der berüchtigte Familienclan der Dagmush. Dem Patriarchen und "Paten" Mumtaz Dagmush sollen 15 000 gut bewaffnete Männer gehorchen. Sein Hauptquartier, das Dagmush-Viertel, ist eine mit Betonbarrieren, Autowracks und Wachtposten festungsartig gesicherte Gruppe von Hochhäusern im Süden von Gaza-Stadt.

Palästinensische Sicherheitsdienste mieden das Viertel - mit Dagmush-Milizionären, die in Anlehnung an die amerikanische Mafia-Fernsehserie die "Sopranos von Gaza" genannt werden, wollte sich niemand anlegen.

Die Familie pflegte enge Kontakte zur Fatah. Doch in jüngster Zeit soll der Dagmush-Clan zur Hamas tendiert haben. Im April kam der israelische Inlandsgeheimdienst Shin Beth sogar zu dem Schluss, dass der Clan eng mit der Hamas zusammenarbeite, wenn nicht sogar Befehle von ihr annehme. Ferner soll Dagmush eine radikalere Haltung als früher eingenommen haben und Kontakte zu Terror-Organisationen wie al-Qaida pflegen.

Die Familie soll sich sogar damit gebrüstet haben, den israelischen Soldaten Gilad Shalit vor einem Jahr gemeinsam mit der Hamas entführt zu haben. Es gilt auch als gesichert, dass der Dagmush-Clan hinter der radikalen "Armee des Islam" steht, die unter anderem den vor 101 Tagen entführten britischen Journalisten Alan Johnston festhalten soll. Der Terrorexperte Professor Paul Wilkinson von der altehrwürdigen schottischen St. Andrews University, sagte, der Clan scheine zum "Dschihadismus" übergegangen zu sein, von der bloßen Sympathie für Terrorgruppen zu direkten Operationen.

Doch wo die Bündnislinien genau verlaufen, ist schwer auszumachen. Andere Quellen berichten, nach der Erschießung von zwei Dagmush-Parteigängern durch die Hamas sei es zu Spannungen zwischen beiden Parteien gekommen. Johnston sei entführt worden, um Druck auf die Hamas auszuüben, die Killer der Dagmush-Leute auszuliefern. Am Dienstag berichtete die Londoner "Times", die Hamas habe den Dagmush-Clan ultimativ aufgefordert, Johnston freizulassen.

Ein Hamas-Kämpfer sagte gegenüber der "Times": "Wir hoffen, dass Mumtaz Dagmush ablehnt. Wenn sie Alan nicht freilassen, schlachten wir den Clan ab. Sie glauben, dass sie so mächtig sind - aber wir wollen ihre Nasen durch den Dreck ziehen."

Nicht nur ist ein Frieden in Palästina durch den Bruderkampf Fatah-Hamas in weite Ferne gerückt. Das Erstarken der Clans schafft im ohnehin komplizierten palästinensischen Krisenherd weitere gefährliche Frontlinien.